Wir müssen ein bisschen leise sein

Die Politik muss dies, die Politiker:innen müssen das: Seit Werner Faymann und seine damals noch große Koalition das Land mit ruhiger Hand in den Tiefschlaf regiert haben, diskutieren wir darüber, wie man Politik wieder interessanter macht. Dabei ist das gar nicht im Sinne der Erfinder.

Fleisch 76, Winter 2025
Text: Markus Huber und Sanna Hätönen 


Es ist Dienstag, 2. Dezember, kurz nach 21 Uhr, als sich ORF-Moderator Yilmaz Gülüm in eine wirklich schwierige Aufgabe stürzt: Er muss eine Spezialausgabe des „Report“ zum Thema „Politikverdrossenheit“ moderieren, und schon seine ersten paar Sätze zeigen, was das für ein Höllenjob ist. „Mir reicht’s – Warum so viele Leute Politik satthaben.“ „Beste Köpfe – Gehen die richtigen Leute in die Politik?“ „Wie geht es besser – Wie das Vertrauen in Politik wieder steigen kann.“ Die Sendung ist noch keine Minute alt und es ist klar: Das werden lange 47 „Report“-Minuten.

Dabei hat sich die Redaktion wirklich Mühe gegeben. Gleich zwei Redakteure waren unterwegs, um die Stimmung im Land einzufangen. „Wie geht’s Ihnen mit unserem politischen System?“, fragen sie dabei Passant:innen in Wien, Steyr und Kapfenberg, aber viele machen das, was man instinktiv wohl auch selbst machen würde: Sie laufen kopfschüttelnd am Kamera­team vorbei. 13 Minuten dauert der Beitrag, der Erkenntnisgewinn ist – vorsichtig gesagt – bescheiden. (Was vielleicht auch daran liegt, dass die Recherche­kaiser vom „Report“ Steyr als Beispiel für eine Kleinstadt im tiefschwarzen Oberösterreich ausgewählt hatten, dabei haben die fast 40.000 Steyrer:innen seit fast immer schon einen SPÖ-Bürgermeister, Anm.). 

Also nächster Beitrag: Eine Analyse, dass Politiker:innen eigentlich arme, unterbezahlte Menschen sind. Nach nur vier Minuten kommt zum ersten Mal Ex-SPÖ-Politikerin Brigitte Ederer zu Wort, gleich darauf darf die Grüne Klubobfrau Sigrid Maurer erklären, wie wichtig Social Media heute ist. Das Ganze dauert zwölf Minuten und endet am St. Pöltener Weihnachtsmarkt. 

Die dritte Geschichte will die Frage behandeln, wie man Politik spannender gestalten könnte, aufgebaut ist sie angeblich auf einem Interview mit der Politikwissenschaftlerin Karin Prapotnik von der Uni Graz. Angeblich, weil so genau weiß das wohl niemand. Abgesehen von Frau Prapotniks Familie und dem Yilmaz Gülüm-Fanclub haben zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich alle weggezappt. Und ehrlich: Das wundert niemanden. Denn wer soll sich so etwas wirklich anschauen?

Mittlerweile hat sogar „Bauer sucht Frau“ bessere Quoten als eine Politiksendung, und das ist sehr verständlich, wenn das Spitzenpersonal das Charisma eines Heuballens hat.

Politikverdrossenheit ist in Österreich ein wirklich ausführlich beschriebenes Phänomen – spätestens seit den Tagen der dritten Auflage der großen Koalition, als SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann das Land mit ruhiger Hand einschläferte und dabei einen ÖVP-Vizekanzler nach dem anderen verschliss. So ziemlich jede:r hat sich daran schon abgearbeitet, jede:r Leitartikler:in, jedes Fernsehformat, jede Diskussionssendung, gefühlt gibt es mehr Politikverdrossenheits-Studien als Politikwissenschaftler, und das ist eine große Leistung.

Der aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisstand ist übrigens: Es gibt keine Politikverdrossenheit, sondern eine Politiker:innen-Verdrossenheit, Menschen würden sich sehr wohl für politische Prozesse interessieren, aber keine Lust auf Parteien haben – deswegen nehmen sie eher an Klimaräten, Bürger:innenbeteiligungsverfahren und anderen konkreten Partizipationsprogrammen teil. Es geht ihnen nämlich angeblich um ganz konkrete Projekte: Einen neuen Park, eine (oder keine) Umfahrungsstraße, Schwimmunterricht im Kindergarten. Für darüber hinausgehende Projekte sind sie aber nicht zu gewinnen. Sie wollen sich nicht binden. Nicht an eine Partei, nicht an eine Ideologie und auch nicht an eine NGO, egal, 

wie gut die Sache, für die sie sich einsetzen, auch ist. Man könnte das alles noch mit ein bisschen Demoskopie auffetten (mit dem aktuellen Demokratie-Radar von Karin Prapotnik und Peter Filzmaier zum Beispiel, der besagt, dass mehr als 50 Prozent der Österreicher:innen nur noch wenig oder gar kein Vertrauen mehr in die Politik haben, Anm.). Aber am Ende bleibt eines bestehen: Innenpolitik interessiert fast niemanden.

Christian Stocker am Cover ist für profil genauso Kassengift wie die Sommergespräche für den ORF. Die Quoten für die Nachrichtensendungen gehen nach unten, der Verkauf von politischen Nachrichtenmagazinen sowieso und wer glaubt, dass das Interesse an Politik auf TikTok irgendwie anders wäre, glaubt auch ans Christkind. Wenn man dann – wie der Report – eine Sendung darüber macht, warum Politik niemand interessiert, interessiert das niemanden. 360.000 Zuseher:innen hatte die Sendung, 15 Prozent Marktanteil, da holt mittlerweile sogar „Bauer sucht Frau“ auf ATV mehr Menschen vor den Streamer und die sind mittlerweile in der 21. Staffel.

Und das ist auch irgendwie logisch, der aktuelle politische Cast von Stocker über Andreas Babler bis hin zu Christoph Wiederkehr hat leider wirklich so viel Charisma wie ein Heuballen.

Man kann das beklagen. 

Man kann sich darüber sehr wundern (und vor allem als Journalist mit dem Schwerpunkt Innenpolitik macht man das besonders gern, aus nachvollziehbaren Gründen). 

Man kann aber auch einfach sagen: Wie sollte es anders sein?

Warum soll man sich gegen Kickl stemmen, wenn der doch ohnehin unvermeidlich ist? Das ist so sexy, wie in der achtzigsten Minute auf den Fußballplatz zu gehen, wenn das eigene Team 0:7 hinten ist. 

Es gibt aktuell keine Wahl, und das ist zunächst mal im Wortsinn gemeint. Erst 2027 wählt Oberösterreich einen neuen Landtag. Ein Jahr darauf kommen die nächsten Bundesländer und die Präsidentschaftskanzlei, EU-Parlament und Nationalrat folgen überhaupt erst 2029, das reduziert die Spannung. Eine Castingshow, bei der nicht nach jeder Folge jemand rausfliegt, schaut ja auch niemand an. 

Man kann das aber auch auf die Gesamtsituation beziehen. Trump, der Krieg in der Ukraine, das Erstarken der antidemokratischen Rechten: Man hat nicht wirklich das Gefühl, dass die Welt sich in eine angenehme Richtung bewegt, man hat aber auch nicht wirklich den Eindruck, als würde man daran groß was ändern können.

Die FPÖ ist in Österreich mit großem Abstand stärkste Partei und Herbert Kickl kurz davor, Kanzler zu werden. Das ist zwar grauslich, aber es wirkt so unabwendbar, dass man sich damit auch fast abgefunden hat. Sicher könnte man sich dagegen engagieren. Aber man kann auch in der achtzigsten Spielminute ins Weststadion gehen, wenn Rapid 0:7 hinten liegt, beides ist ungefähr gleich sexy.

Die scheinbare Unabänderlichkeit der politischen Gesamtsituation: Für Politikwissenschaftler:innen gilt das oft als wichtiger Grund für das Desinteresse an den politischen Entscheidungsprozessen. Auch hier könnte man wieder jede Menge Studien zitieren, zum Beispiel den „Demokratiemonitor“ des Foresight Institute, der Mitte Dezember erschienen ist. Der ergab etwa, dass sich die Österreicher:innen quer durch alle Einkommensschichten von den Parlamentarier:innen immer weniger vertreten fühlen. Sogar im oberen Einkommensdrittel gaben nur noch 45 Prozent der Befragten an, dass „Menschen wie ich im Parlament gut vertreten sind“. Das waren elf Prozentpunkte weniger als noch vor einem Jahr. Im unteren Einkommensdrittel sagen das überhaupt nur siebzehn Prozent.

Man kann aber auch mutmaßen, dass das den Parteien gar nicht so unrecht ist.

Von aufgeheizter politischer Stimmung profitieren nämlich immer die Ränder, und in Österreich bedeutet das: die FPÖ. Je lauter und intensiver diskutiert wird, desto besser ist das für Kickl & Co. Der Einzige, der das zuletzt durchbrach, war Sebastian Kurz, den der gut inszenierte Krach 2017 ins Kanzleramt spülte.

Nachdem es bei der aktuellen Koalition ja vor allem darum geht, eine FPÖ-Kanzlerschaft zu verhindern, ist es durchaus nachvollziehbar, dass jetzt niemand außer der FPÖ ein großes Interesse an einer Politisierung der Gesellschaft hat.

Es ist ein bewährtes Rezept; die Wiener SPÖ, zum Beispiel, macht damit seit Jahren gute Erfahrungen: Je geringer bei Wiener Landtagswahlen die Wahlbeteiligung ist, desto besser schneidet die SPÖ ab. Ganz offenbar sind FPÖ-Fans im Wirtshaus zwar sehr laut, SPÖ-Stammwähler:innen sind aber leichter zu mobilisieren, vor allem dann, wenn es fad ist. 

Auf die Spitze getrieben haben dieses Spiel vielleicht die USA: Seit Obama sind die Demokraten vor allem damit beschäftigt, sich um die sogenannten Swing States zu kümmern, weil das taktisch am schlauesten ist: Dort entscheiden sich die Wahlen und beim Rest muss man eben schauen, dass man ihn nicht vergrault. Das scheint eine Zeit lang gut zu gehen, aber dann kommt halt jemand wie Donald Trump, bringt eine Mischung aus Chaos und Faschismus, und plötzlich greift das, weil es mehr Ideen und Energie hat, als nur taktisch kluge Politik für ein paar Stammwählergruppen zu performen.

„Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.“ Taktisch wäre das ja zunächst einmal kein schlechtes Motto für das Team Stocker/Babler/Meinl-Reisinger. Der Einzige, der da hin und wieder ausbricht und ein paar Show-Einlagen für sein Instagram-Publikum liefert, ist der Staatssekretär im Außenministerium, ganz offenbar kann er nicht aus seiner Haut. Aber sonst? Bleibt alles ruhig in dieser Regierung. 

Wir gehen weiter, schalten um, und diese Langeweile ist sehr beruhigend, weil wir daher nicht allzu genau hinschauen müssen. Mag sein, dass es multiple Krisen gibt, ökonomische genauso wie politische: Aber glauben wir wirklich, dass Wolfgang Hattmannsdorfer sie lösen könnte?

Oder die Außenministerin, die gut damit zu tun hat, den verschwitzten Mief von 40 Jahren Herrschaft des Cartellverbands zumindest ein bisschen aus dem Haus zu lüften? Also ab nach Hause, aufs Sofa, vielleicht schauen wir davor noch bei Denns vorbei und kaufen uns ein paar Chiasamen, so lange wir sie uns noch leisten können.  

 

Es geht vielleicht eine Zeit lang gut, wenn uns die Politik mit Langeweile einlullt. Aber irgendwann bricht das. Und vor lauter Verdrängen wird sie dann umso größer: die Angst.

Der deutsche Psychologe Stephan Grünewald hat kürzlich ein Buch veröffentlicht, in dem es auch um Politik geht, obwohl es „Wir Krisenakrobaten“ heißt. Er sagt, dass wir uns von der Politik genauso verabschieden wie von allem anderen, das uns überfordert. „Wir verdrängen, und die Verdrängung führt dazu, dass wir nicht in Bewegung kommen“, sagte Grünewald kürzlich dem SZ-Magazin.

Es geht vielleicht eine Zeit lang gut, dass uns die Politik mit Langeweile einlullt und wir alles, das uns nicht mehr als lösbar erscheint, verdrängen, aber irgendwann bricht das. „Es ist verheerend für die Politik. Wenn ich nicht genau hingucke, entsteht hinter dem Verdrängungsvorhang eine diffuse Projektionsfläche. All das, was ich nur ahnend betrachte, hat ein viel größeres Angst- und Schreckenspotenzial als das, mit dem ich mich bewusst auseinandersetze“, sagt Grünewald. 

Ziemlich sicher hilft das dann nicht dem Team mit dem „Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen“-Motto. 

Erschienen in Fleisch #76
Tür zu, es zieht
Wir bleiben zu Hause, wo die Welt noch in Ordnung ist 
Winter 2025

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