Der Moment der Entscheidung ist oft nur eine kurze Handy-Nachricht entfernt. Eine WG-Party, bei der ein lauwarmes Ottakringer das Highlight des Abends wird? Ein Abend mit einem Freund, der gerade von seiner Urlaubsliebe abserviert wurde? Ein Kino-Date, wenn dort nur ein französischer Problemfilm in Schwarz-Weiß läuft und sonst gar nichts? Sorry, aber das sind die Momente, da muss man einfach absagen. Kurz und schmerzlos, lang und schmerzhaft, ganz egal, wichtig ist nur, dass man absagt und das Übel an einem vorbeiziehen lässt, ohne dass einen das Übel runterzieht.
Und niemand kann das so gut wie die Gen Z. Man kann ja von ihr halten, was man will, man kann ihr auch so einiges vorwerfen, aber dass mit dem Absagen hat sie wirklich gut drauf. Sie hat nämlich eine unschlagbare Ausrede gefunden. Sie ist gleichermaßen simpel wie kreativ, sie ist modern und trotzdem unangreifbar. Und das Beste daran ist: Niemand, der sie benützt, muss mit negativen Konsequenzen rechnen.
Zumindest vorerst nicht. Bei richtigen Absagen geht es nämlich gar nicht so sehr um die eine exakte Formulierung. Dass man gerade etwas „Me-Time“ braucht, ist genauso zulässig, wie dass einem gerade die „Kapazitäten“ fehlen. (Man kann auch „Kapas“ sagen, wenn man ein Semester in Leipzig oder Berlin verbracht hat.) Oder es ist einfach zu viel „Mental Load“ unterwegs, das geht auch. Die Botschaft ist im Prinzip immer die gleiche: Mir geht es heute nicht gut, es ist alles ein bisschen viel gerade. Und dafür hat jeder Verständnis.
Und das ist eigentlich auch ganz okay so. Mental Health wird heute auch schon ernst genommen, bevor an ihr Geschirr, Familien und Existenzen zerbrechen. Dass Menschen auf sich achtgeben wollen, ist gesellschaftlich akzeptiert, genauso wie die früher so gern genutzte fiebrige Erkältung. Wenn’s jemandem „nicht gut geht“, dann muss er natürlich nicht zum Abendessen kommen, er würde ja alle dort anstecken.
Gesellschaftlich ist das ein Fortschritt: Psychische Probleme sind automatisch weniger tabu, wenn darüber ehrlich geredet werden kann. Und das ist ja auch was wert, vielleicht sogar für denjenigen, der eigens die Wohnung geputzt, eingekauft und gekocht hat und dann seine berühmte Soja-Lasagne allein verputzen muss, weil alle Eingeladenen kurzfristig mental nicht ganz healthy waren. Diese Offenheit und Ehrlichkeit bei der Absage zeigt ja, wie gut man befreundet ist, weil man sich so vertraut. Oder nicht?
Wobei: Vielleicht liegt darin auch die Schwäche dieser Ausrede. Weil wenn man weiß, dass sie immer funktioniert und die Ausrede nie zu einem Vorwurf führen wird (weil wer wird das total offen und ehrlich kommunizierte Eingeständnis einer Schwäche kritisieren) – dann zieht man sie vielleicht zu oft. Und je öfter die eigene angeschlagene Psyche ins Spiel kommt, desto mehr verliert sie an Gewicht. Nach dem zehnten Verweis auf den eigenen Therapeuten wird aus dem Vertrauensbeweis ein ziemlich triftiger Grund für Misstrauen. Ist der Typ, der einfach nie kann, wirklich so bedient oder verarscht er einen? Ständiges Absagen schwächt jede Beziehung. Auch Freundschaften
„Freundschaft ist immer auch eine gelebte Praxis mit einem bestimmten Regelwerk. Sie entsteht im gemeinsamen Tun“, sagt Renate Liebold. Die Professorin für Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat sich unter anderem auf das Thema Beziehungen spezialisiert. An Freundschaften lasse sich gut erforschen, wie sich eine Gesellschaft insgesamt gerade entwickelt, weil sie zum Beispiel an Bedeutung gewinnen, wenn Familien brüchiger, Partnerschaften kurzlebiger, die Einbindung in größere Gruppen wie Vereine seltener und Krisen häufiger werden. Für all diejenigen, die ihren Freund:innen ständig absagen, hat Renate Liebold eine schlechte Nachricht: „Ein solches Regelwerk wird verletzt, wenn man sich rar macht.“ Freundschaften nur nach Lust und Laune zu pflegen, geht also auf lange Sicht schief. Blöd, dass genau das gerade ziemlich oft passiert.
Freundschaft als Schönwetter-Programm? Ein Nice-to-Have, das aber bitte nicht zu viele eigene mentale Kapazitäten auffressen darf? Das funktioniert nicht wirklich, sagt auch Franziska Holzheimer, eine Psychotherapeutin mit Schwerpunkt auf Paar- und Freundschaftstherapie: „Wir bewegen uns immer häufiger nur innerhalb der Komfortzone.“ Wer ständig auf sich selbst schaut, verliert die anderen aus dem Blick. Und das droht jetzt ausgerechnet der achtsamen Gen Z: Sie verlernt, füreinander da zu sein, und vergisst, dass Freundschaft auch Arbeit bedeutet. Dabei sein. Unterstützung an schlechten Tagen. Aufrappeln und Hingehen, obwohl man lieber auf der Couch liegen würde.
Und noch etwas hat Holzheimer festgestellt. Die allermeisten Menschen sagen ihre Termine schriftlich ab. Eine kurze Nachricht reicht, und das macht es noch einfacher. Man kann nämlich nicht nur lange an der Formulierung feilen, sondern bleibt danach – anders als am Telefon – vor der unmittelbaren Reaktion des Gegenübers geschützt. So kann man sich den unangenehmen Teil einer Absage ersparen. Dabei sei es zentraler Bestandteil einer Beziehung, auch die nicht gefälligen Stimmungszustände auszuhalten. Holzheimer: „Es braucht Toleranz für schlechte Laune und die Bereitschaft, gemeinsam Leid zu erleben. Nur dadurch kann die Freundschaft eine bestimmte Tiefe erreichen.“
Aber warum lassen sich immer weniger, vor allem junge Menschen, auf solche Momente ein?
Die Soziologin Renate Liebold erkennt darin skurrilerweise eine große Sehnsucht nach echten, verlässlichen Beziehungen. „Wir haben hohe Erwartungen, gleichzeitig haben wir immer weniger Zeit, um unsere Beziehungen zu pflegen, und arbeiten Freundschaften wie eine To-do-Liste ab.“ Profanierung nennt man das in der Fachsprache. Ein Begriff aus der Theologie, der ursprünglich die Entwidmung sakraler Orte und Gegenstände beschreibt. In der Freundschaftssoziologie steht er für den Zusammenprall von hohen Erwartungen und enttäuschender Realität. Mit anderen Worten: Wir wollen füreinander da sein, schaffen es aber nicht.
Dieser Fokus auf die eigene Psyche stellt uns jedoch vor ein Problem, sagt die Therapeutin Franziska Holzheimer: „Wir verlernen zu unterscheiden, ob es wirklich Selbstschonung braucht – oder ob eine gewisse Überwindung der psychischen Gesundheit sogar eher zuträglich wäre.“ Bevor man die Absage-Nachricht abschickt, sollte man also vielleicht innehalten und überlegen: Geht es mir wirklich schlecht oder habe ich einfach keinen Bock? Brauche ich Me-Time oder würde das Treffen den Tag sogar retten?
Alles gar nicht so einfach, denn den perfekten Self-Care-Abend gibt es nicht. Manchen hilft ein längerer Spaziergang, anderen eine Yoga-Session oder ein Wohnungsputz. Eines aber ist für Holzheimer sicher: „Die Antwort auf die Frage, was einem gerade guttun würde, ist in den allerseltensten Fällen: Im Bett bleiben und Zeit auf Social Media verbringen.“
Erschienen in Fleisch #76
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