Menschen drängen sich unter Lichterketten, der Punsch macht die Tourist:innen aus Italien, der Slowakei und Mödling übermütig, gelegentlich riecht es nach Langos und von Zigaretten angesengtem Kunstpelz. Kurz vor Weihnachten wird in Wien geshoppt, als müsste Gabriel Felbermayr gleich ein Wirtschaftswunder verkünden. Alles ist voll, U-Bahnen und Märkte, Parkhäuser und Restaurants. Es ist die Zeit, in der beten mehr hilft als reservieren. Krise? Welche Krise? Hat hier irgendwo jemand eine Krise gesehen?
Aber spätestens dann, wenn der letzte Punschkübel ausgetrunken ist (also rechtzeitig zum Neujahrsspringen), werden auch Wien und Graz und Linz wieder anders aussehen. Dann sind unsere Innenstädte bis auf ein paar Touri-Pfade wie leer gefegt, weil wir selbst wieder lieber zu Hause abhängen, in unserer eigenen kleinen Welt, in der alles doch noch irgendwie in Ordnung ist, ruhig, übersichtlich, behütet.
Es ist nämlich trotz allem aktuellen Geschiebe in den Fußgängerzonen so: Menschen essen wieder viel öfter zu Hause als im Restaurant. Sie swipen lieber durch belanglose Instas, als dass sie ins Theater gehen, und chatten lieber per WhatsApp als face to face. Am schönsten ist es ganz klar: daheim.
Luxus bedeutet heute, dass man einfach nicht mehr unter Leute muss, die man sich nicht selbst ausgesucht hat.
Und wir haben dafür auch sehr viel getan. Mittelschichtswohnungen sind heute oft aufgepimpt wie ein Haubenlokal, ab einem gewissen Alter (18) kann jede:r kochen; Gans – rosa, vegan oder beides – ist kein Problem mehr, zumindest in der Theorie und mit der technischen Grundausstattung. Beamer und Netflix ersetzen das Kino, High-End-Kopfhörer machen aus jedem WG- oder Wohnzimmer den Wiener Musikverein.
Auf dem Land kommen noch andere Sachen dazu: Hinter jedem Einfamilienhaus warten ein Pool und eine Spiellandschaft samt Rutsche und Klettergerüst vom Lagerhaus. Freibad und Spielplatz sind nur noch etwas für Verlierer. Luxus bedeutet heute, dass man nur unter Leute muss, wenn es sich gar nicht anders lösen lässt. Geht die Gesellschaft vielleicht gerade an ihrem Wohlstand zugrunde?
Manche werden sagen, dass das Gegenteil der Fall ist. Seit alles so verdammt teuer geworden ist, gehen die Leute einfach viel weniger aus. Clubs sterben reihenweise, weil die Jüngeren nicht mehr in Lokalen feiern, und zwar in einem Ausmaß, das nicht mal Ursula Stenzel für möglich gehalten hätte, obwohl sie sicher dafür gebetet hat.
Wer einkommensmäßig irgendwo zwischen Arm und Reich liegt, wo nochmal jeweils andere Regeln gelten, der überlegt sich sehr viel genauer, wofür er bereit ist, Geld auszugeben – und geht dann weniger oft aus.
Früher war es eleganten älteren Damen vorbehalten, schon nach dem Kellner zu rufen, bevor sie ihren Mantel abgelegt haben. Heute kann man es selbst in entspannten Cafés wie dem Engländer beobachten: Angespannt und gereizt sind fast alle. Wenn man schon mal raus geht, muss eben wirklich alles perfekt sein, und wenn es das nicht ist, dann sagt man das auch. Laut. Und immer wieder.
Die finanzielle Situation trägt sicher dazu bei, aber begonnen hat der allgemeine Rückzug schon viel früher. Wahrscheinlich sogar schon vor der Pandemie, und wahrscheinlich ist er eine Nebenwirkung von steigendem Wohlstand und Digitalisierung.
Es ist so verdammt einfach geworden, alles jederzeit zur Verfügung zu haben, ohne dass man sich deshalb mit anderen Menschen herumschlagen muss. Man kann einkaufen, ohne dass einen dabei ein Verkäufer judgt, der viel besser angezogen ist als man selbst. Man kann einen Film schauen oder einfach stundenlang ins Handy, ohne dass daneben jemand stinkige Käse-Nachos isst, man kann klassische Musik hören, ohne dass sich ein Raum voller alter Menschen ständig räuspert.
Ganz offenbar hassen wir andere Menschen.
Uns ist nur erstaunlich lange nicht aufgefallen, wie sehr.
Denn gefühlt haben wir ja die Nähe zu anderen weiterhin. Wir chatten und zoomen, wir beobachten einander über Social Media, wir hören uns Podcasts an, wir stehen drauf, dass alles ultrapersonifiziert ist. Solange wir uns die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, selbst aussuchen, sind wir vielleicht doch irgendwie sozial. Aber sobald es spontan und direkt wird, wird es auch schwierig.
Psycholog:innen beobachten dieses Phänomen vor allem bei jungen Menschen, denen die Pandemie ein paar Jahre Lebenserfahrung in der echten Welt genommen hat. Offenbar braucht der Umgang mit anderen auch so etwas wie Übung. Wem sie fehlt, der wird unsicher und vorsichtig. Er interpretiert Dinge falsch, hat ständig Angst, sich zu blamieren – und verkrümelt sich lieber.
Manche kippen dann mit Social Media weg, bis sie vor lauter Drei-Sekunden-Welt gar nichts mehr wirklich mitbekommen. In den 70ern hat man sich mit Drogen das Bewusstsein erweitert, heute stellt man es quasi ein. Noch vor ein paar Jahren waren Autor:innen wie Jonathan Littell erfolgreich, die Leser:innen an ihre Grenzen gebracht haben. Heute nimmt das Weichspüler-Genre „New Adult“ auf der Buch Wien mehr Platz ein als sämtliche österreichischen Verlage zusammen.
Es ist ja auch alles sehr anstrengend geworden. Bei Corona sprengten die Verschwörungstheoretiker Familien und Freundschaften, und jede weitere Krise hat wieder neue Sprengfallen mit sich gebracht: Soll Europa für die Ukraine kämpfen? Darf man noch warm duschen? Fliegen? Wo stehst du im Gaza-Konflikt? Und wie zur Hölle kannst du trotz Elon Musk auf Twitter bleiben? Bevor man das alles ständig ausdiskutiert, umgibt man sich lieber gleich mit Menschen, die ähnlich ticken.
Das Heilsame an einer Blase ist ja, dass sie den Druck da draußen fernhält. Nur: Er geht dadurch nicht weg, dass man sich ins Schneckenhaus zurückzieht und es schön einrichtet.
Das Zuhause hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Und sich trotzdem verändert. Wir haben Dinge, die früher auswärts passierten, nach Hause geholt und umgekehrt früher Privates nach außen verlagert. Freundinnen treffen sich zum gemeinsamen Lesen. Menschen hocken sich in dunkle Theatersäle, um Journalist:innen dabei zuzuhören, wie sie über ihre Recherchen erzählen. Und Paare, die zu Hause nur noch nach getrennten Playlists vor sich hinleben, sind auf Partys verschmust wie Teenager, die sich gerade kennengelernt haben. Wir gehen also raus, um Dinge zu erleben, die daheim sehr viel komfortabler zu erfahren wären – doch dort lauert leider auch immer die Ablenkung.
Vielleicht werden wir bald einen Rückzug vom Rückzug brauchen, um irgendwas weiterzubringen. Er muss ja nicht unbedingt mit Punsch beginnen. Aber er kann.
Erschienen in Fleisch #76
Tür zu, es zieht
Wir bleiben zu Hause,
wo die Welt noch in Ordnung ist.
Winter 2025
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