Die Sehnsucht nach dem Tech-Tyrannis

Die wichtigsten Menschen im Silicon Valley wollen eigene Staaten gründen, in denen sie nach ihren ganz speziellen Regeln spielen können. Das soll das amerikanische Imperium retten. Vielleicht aber auch nur sie selbst.


Fleisch 75, Sommer 2025
Text: Markus Diepold

Mit voller Wucht schlägt sich Elon Musk die Hand aufs Herz und streckt sie anschließend weit nach oben, und weil die halbe Welt das gleich nach der Angelobung von US-Präsident Donald Trump sieht, wird daraus eine Art Rätselaufgabe: Ist es ein Hitlergruß? Ist es reine Provokation? Gehen mit dem verhaltensauffälligen Superreichen eben verhaltensauffällige Emotionen durch? Oder ist es doch der Römergruß, den Musk raushaut, weil er das alte Rom super findet? 

Zeithistoriker:innen werden sich im Anschluss zu Wort melden, Spezialist:innen für das Dritte Reich, für das Silicon Valley und auch Expert:innen für die Wirkung von Ketamin. Psychologinnen und Autismus-Forscher werden das Ganze kommentieren, und gelegentlich heben auch ein paar Leute die Hand (hahaha), die sich mit dem Römischen Reich auskennen. Sie sind irritiert: Musks Gruß hat es im alten Rom nämlich gar nicht gegeben. Es gibt ihn erst seit den frühen Sandalenfilmen. Von dort hat ihn Mussolini übernommen und von dem dann die Nazis.  

Wenn Musk, der „eine Legion“ Kinder zeugen will, zumindest eine Zenturie schon hat und ein Kind Romulu­s nannte, einen Römergruß machen will, dann kommt dabei also ein Römer-Film-Gruß heraus.

Mit der Vermischung von Geschichte und Fiktion ist er im Silicon Valley, unter den MAGA-Leuten und den neuen amerikanischen Rechten genauso wenig allein wie mit seiner Faszination für das alte Rom. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat sich Augustu­s als Helden genommen und behauptet, der hätte der gesamten Welt 200 Jahre lang Frieden gebracht (das würde halb Europa entschieden bestreiten). Mike Johnson, der Speaker der Republikaner im Abgeordnetenhaus, hat sich für die Konversations­therapie von Homosexuellen eingesetzt, weil er glaubt, dass das Römische Reich an Homosexualität zugrunde gegangen ist (hahaha, sagen da die Alt­historiker:innen). Trumps erster Propaganda-Chef Steve Bannon hat sich eine Büste von Julius Caesa­r ins Büro gestellt (hahaha, sagt die Demokratie) und die amerikanischen Ultrarechten rechtfertigen ihren Sexismus mit Klassikern wie Cicero.

Zusammengemixt entsteht eine wirre Idee: In der angeblichen Wiege der Zivilisation war alles großartig, weil ernsthafte, starke, mutige und vor allem weiße Männer noch echte Männer sein durften und Frauen sich darum kümmerten, dass stetig weitere Männer nachproduziert wurden.   

Die amerikanischen Altertumswissenschaftlerinnen Donna Zuckerberg (sie ist tatsächlich Marks Schwester) und Honor Cargill-Martin haben diese Umdeutungen der Antike auseinandergenommen. Ihr Fazit: Mag schon sein, dass Männer heute ständig ans alte Rom denken. Aber das Rom, an das sie denken, hat es einfach nie gegeben. Außerdem ver­mischen sie es ständig mit dem antiken Griechenland.

Als Balaji Srinivasan im Oktober 2023 die Bühne im Taets Art and Event Park etwas außerhalb von Amster­dam betritt, tobt die Halle. 1.200 Menschen sind im Publikum, der Großteil von ihnen Männer, und Balaji, ein amerikanisch-indischer Tech-Investo­r, ist ihr Superstar. Es ist die erste „Network State Conference“. Wer hier zusammenkommt, kann sich mit der Idee anfreunden, eine Parallelwelt zu entwickeln.

Abseits demokratischer Nationalstaaten sollen aus Online-Communitys neue Staatsformen entstehen. Möglichst ohne Regeln, möglichst ohne Steuern. Virtuell, irgendwann auch physisch. Nur dezentral organisierte Staaten könnten endlich wieder den Fortschritt vorantreiben, glaubt die Community. Künstliche Intelligenz, Verjüngungs-Methoden, Biotechnologie oder Nuklearanlagen würden nicht ausgeschöpft, wenn dauernd der Staat eingreift. Balaji nennt das „eine ziemlich coole Idee“. 

Wie viele Vertreter der amerikanischen Tech-Welt ist der knapp 40-jährige Kampf-Twitterer der Meinung, dass die USA nicht mehr funktionieren. Das  Imperium bröckelt. Dass Stadtstaaten alles besser machen würden, ist dann fast ein bisschen lustig: Das ist keine futuristische Idee, sondern ebenfalls eine ziemlich antike Sache – die alten Griechen hatten sie nämlich auch schon. Sparta. Theben. Korinth. Athen. Troja. Viele dieser Städte würden wir heute nicht mehr kennen, wenn sie einfach nur ein physischer Ort gewesen wären und nicht die Schauplätze großer Erzählungen. In diese ist die religiöse Vorstellungswelt der Antike genauso hineingepackt wie die passende politisch­e Propaganda über Freund und Feind.

Die beiden Altphilologen Paolo Cecconi und Christian Tornau sehen die Stadtstaaten der Antike als Objekte von Mystifizierung und Identitätsstiftung. Vor allem in Krisenzeiten bieten sie Orientierung. Und sie versprechen Alternativen, wenn der Rest gerade den Anschein macht, unterzugehen. „Eine ziemlich coole Idee“, sagt Balaji. Und baut darauf eine ganze Utopie auf.

2019 gründet Dryden Brown sein Unternehmen „Praxi­s“. Es will die erste digitale Nation der Welt sein, erst mit Hauptsitz am Mittelmeer, dann von Grönland aus. Es will an der Unsterblichkeit arbeiten. Peter Thiel investiert.

Genauso wie der Stadtstaat Troja zur Quelle von Roms Gründungsmythos wurde, ist der ewige, etwas groß geratene Stadtstaat Rom zur Projektionsfläche für die modernen USA geworden. Die Founding Fathers hatten noch seinen republikanischen Geist beschworen, jetzt steht eher das andere Rom im Vordergrund: das satte, korrupt­e, dekadente Imperium mit seinen verkommenen Eliten, in dem Brutalo-Diktatoren wie Sulla aufräumen und eine neue Herrenrasse schaffen. Man nimmt es mit der Geschichte selten sehr genau, wenn man darin nur sucht, was einem gerade in den Kram passt. 

Musk macht kein Hehl daraus, dass er den Untergang der USA auf dem Mars erleben will. Peter Thiel verheimlicht nicht, wie wenig er von der US-­Demokratie und wie viel von alternativen Projekten hält: Von Próspera zum Beispiel, der unregulierten „Start-up-Nation“ auf einer honduranischen Insel, oder auch von schwimmenden Städten weit vor den Küsten, dort, wo die Ozeane rechtsfrei sind. Wenn man heute die Demokratie stürzen will, dann muss man übrigens längst kein Trojanisches Pferd mehr sein und das bestehende System unterwandern. Seit sich Elon Musk so bildgewaltig aufs Herz schlug, um dann ganz schnell den Arm nach oben zu strecken, ist klar: Das geht auch ohne List.  

Mit Donald Trump und JD Vance hat die Tech-­Elite sogar die gewählten Spitzen des Staates an ihrer Seite. Im Wahlkampf kündete Trump zehn „Freedom Cities“ an. Auf unbewohntem Bundesgebiet sollen sie mit einem Minimum an Regeln den Pioniergeist der USA wiederbeleben. Seit der Wahl interessiert er sich zwar öffentlich mehr für Grönlands Rohstoff­e und Gazas Zukunft als Luxusresort. Das Silicon Valle­y hält das aber nicht davon ab, seinen neuen America­n Dream voranzutreiben. 

Einer der derzeit Umtriebigsten dieser Tech-­Visionäre – und gleichzeitig einer der Unschein­barsten – ist übrigens Dryden Brown. Klar, mit gerade einmal 29 Jahren hat er noch nicht so viel zu erzählen. Er kommt aus Santa Barbara, Kalifornien, und hat seine Jugend mit Surfen und Home­schooling verbracht. Seine Vorfahren haben als irische Immigranten im Revolutionskrieg an der Seite der amerikanischen Patrioten gekämpft, Staatsgründung ist schon früh sein Thema, auch das alte Rom und Ayn Rand.

2019 gründet Brown sein Unternehmen „Praxi­s“. Es will die erste digitale Nation der Welt sein, Hauptsitz erst am Mittelmeer, dann von Grönland aus, und es will an der Unsterblichkeit arbeiten. Ewiges Leben statt Ewige Stadt. Die Vision begeistert offenbar viel­e große Player der Tech-Elite: Balaji, OpenAI-CEO Sam Altman, Pronomos Capital von Peter Thiel und Marc Andreessen sowie die Facebook-Mitbegründer Tyler und Cameron Winklevoss haben investiert und dafür eine halbe Milliarde US-Dollar zusammengelegt.

Und Brown macht mit seinen Männern, was solchen Männern eben Spaß macht: täglich ans römische Reich denken, Gewichte stemmen, Shakes mit rohen Eiern trinken und den profaschistischen Autor Julius Evola lesen.

Wer Praxis, also das Unternehmen, ein bisschen auf Social Media verfolgt, wird recht bald dazu aufgerufen, den Westen zurückzuerobern, während eine Armee KI-generierter Gladiatoren zu treibenden Electro-Sounds durchs Bild marschiert. Vorläufiger Höhepunkt ist aber eine Serie Anfang Juli veröffentlichter und inzwischen gelöschter Tweets, in denen Brown den Teilnehmern der New Yorker Pride Gottes Zorn und noch ein paar andere Apokalypsen prophezeit. In Dryden Browns Tech-Tyrannis ist kein Platz für queere Menschen.

Zu seinen Feinden zählen außerdem Staatsbedienstete, die die demokratische Ordnung erhalten, demokratische Aktivist:innen, die sich für die Rechte von Frauen und Minderheiten einsetzen, und vor allem auch unabhängige Medien und Gerichte. Hinter dem Ruf nach Deregulierung steckt also mitunter eine reaktionäre Bewegung, die bereit ist, Demokratien an den Meistbietenden zu verkaufen. 

Der frühere Politikberater und Journalist Gil Duran nennt die Idee der Network-States in seinem Newsletter „The Nerd Reich“ einen Faschismus, der mit fliegenden Autos wirbt. Von „Endzeit-Faschismus“ spricht hingegen die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein. Die Tech-Elite würde von einer schrecklichen, „barbarischen“ Zukunft ausgehen, gegen die sie sich, ihre Familien und Freunde mit eigenen Staaten versichern muss: „Die mächtigsten Menschen der Welt bereiten sich auf das Ende der Welt vor, das sie frenetisch beschleunigen“, schreibt Klein im „Guardian“.   

Noch ist die Welt aber nicht untergegangen. Noch lebe­n die meisten Tech-Menschen auch lieber in San Francisco oder in der Bay Area als auf echten oder künstlichen Inseln im Meer. Und noch kommen die Millionär­e auch wieder recht gerne vom Mars zur Erde zurück. Schade eigentlich.

Erschienen in Fleisch #75
Toga-Party - Das alte Rom ist wieder modern
Sommer 2025

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