Rom, Rom, überall Rom

DIE FASZINATION FÜR DIE ANGEBLICHE WIEGE DER WESTLICHEN ZIVILISATION LEBT LÄNGST LÄNGER ALS DAS IMPERIUM. VOR ALLEM, WENN MAL WIEDER DER UNTERGANG DROHT. HABEN WIR SO WENIG ZUKUNFT, DASS WIR WIRKLICH SO VIEL VERGANGENHEIT BRAUCHEN?

Fleisch 75, Sommer 2025
Text: Superfleisch™

Maxima, August, Aurelia. Das sind keine Statisten aus „Gladiator“, sondern die Kinder von Mark Zuckerberg. Oder Elon Musk: Der hat sich auch schon vor Jahren zum „Imperator of Mars“ ernannt, was vielleicht als Witz gemeint war, aber irgendwie keiner war. Einer seiner Söhne heißt nicht ganz zufällig Romulus: Der Mann baut nicht umsonst Raketen, Firmen und Familien wie frühimperiale Dynastien.

Rom, Rom, überall, wo man hinschaut, ist Rom. Zucker­berg soll über Jahre am Ende jedes Meetings „Dominatio­n!“ gerufen haben. Und wenn man sich an Musks Video­botschaft beim AfD-Wahlkampfauftakt erinnert, dann weiß man, dass auch er immer die gleiche Botschaft hat: Wo er spricht, da spricht das Imperium. 

Aber warum eigentlich? Rom, also zumindest dieses Rom, von dem die Tech-Bros und ihre Fans in der Politik reden, ist vor mittlerweile mehr als 1.500 Jahren untergegangen, und man muss sagen: Egal, wie toll es davor war, die letzten paar Jahrhunderte hatte es mit der Coolness von Juliu­s Caesar ungefähr so viel gemeinsam wie eine Pietro Pizz­i Tiefkühlpizza mit echtem italienischen Essen.

„Es gab einmal einen Traum von Rom. Man konnt­e ihn nur flüstern. Ein lautes Wort und er würde verfliegen, so zart war er. Komm, lass uns flüstern“, sagt Robert Harris in seine­r Rolle als Marc Aurel gleich zu Beginn von „Gladiato­r“ zu Russell Crowe.

Der flüsterte zwar, wollte aber nicht Imperato­r werden und damit nimmt das Unglück für etwas mehr als zwei Stunden seinen Lauf. Mit diesem Film haben Crowe und sein Regisseur Ridley Scott ein Bild geschaffen, das bis weit in die Köpfe im Silicon Valley wirkt. Musk, Zuckerberg, Peter Thiel, aber auch JD Vance und Co wollen vielleicht nicht flüstern, sie wollen aber ganz bestimmt herrschen.

In ihren Augen ist der Westen so korrupt, intrigant, amoralisch und am Ende, wie Ridley Scott das Rom von Marc Aurel beschreibt, aber sie glauben, dass sie das ändern können (zumindest zu ihrem Vorteil). Und anders als Russell Crowe, diese hypermoralische und obendrein zaudernde Mimose, verspüren sie den Drang, sich zu beweisen.

Sie müssen nicht erst zum Sklaven und dann zum Gladiator werden, bis ihnen einfällt, dass sie Maximus Decimus Meridius sind, „Kommandeur der Truppen des Nordens, Tribun der spanischen Legion, treuer Diener des wahren Imperators Marcus Aurelius“. Sie können und wollen das jetzt schon, weil sie echte Männer sind.

Und ja, weil sie den ganzen Mist von der römischen Dekadenz, die das Reich verweichlicht haben soll, auch wirklich glauben. Sie fantasieren davon, dass es zu wenig „echte Römer“ gegeben habe, weil die „echten Römer“ zu wenig Kinder bekommen haben. Wer weiß, vielleicht ist „Gladiator“ tatsächlich der einflussreichste Film nach „American Pie 3 – Jetzt wird geheiratet“.

Der Untergang steht also vor der Tür. Vielleicht ist er sogar schon da. Asien ist schneller, schlauer, hungriger. Und was ist Europa­? Schöner, klüger, nobler? Es gibt keine Massen, die ohne Jobs auf der Straße stehen, die hungern oder frieren, aber es gibt ein schwarzes Loch der Unsicherheit.

Da ist dieses Gefühl: Der Zenit ist erreicht. Jedenfalls für alle, die nicht mal für ein paar Stunden um ein paar Millionen ins All fliegen, einfach because they can.

Welche Jobs werden für uns übrig bleiben, wenn die Künstliche Intelligenz mal wirklich übernimmt? Die ersten zwei Beratungsstunden bei einem Anwalt hat sie jetzt schon genauso übernommen wie das Arrangement bei einem durchschnittlichen Pop-Song oder die Basisleistungen von Social-Media-Agenturen und Buchhalter:innen. Was ist das Völkerrecht eigentlich noch wert? Wer rettet das Klima? Wem werden wir in Zukunft noch glauben können?

Wem werden wir noch zutrauen, wirklich etwas ändern zu können? Die österreichische Regierung hat gerade das Trinkgeld geregelt. Wow. Man muss jetzt nicht komplett gebrainwashed sein, um das Gefühl zu haben, dass das im Vergleich zu dem Zeug von SpaceX, ChatGPT und Palantir auch nur maximal Pietro Pizzi ist. 

Wer den Wiederaufbau, die Nachkriegszeit und auch die Anything-Goes-Phase der 80er Jahre erlebt hat, der flüstert über die Faulheit der Jungen. Die Jüngeren wiederum spüren: So golde­n wie früher glänzt gar nichts mehr, sogar die Potenz­boliden von Porsche und BMW werden fast nur noch mit matter Lackierun­g verkauft, damit schaut aber selbst das teuerste Gefährt aus wie ein Matchboxauto, bei dem der Lack abgebröckelt ist, weil man es vom großen Bruder übernommen hat.

Bleiben nur noch die Alters­kohorten dazwischen, die 30- bis 45-Jährigen, und die sind so sehr mit dem großen Spagat zwischen Selbstverwirklichung und Kindererziehung beschäftigt, dass daneben nicht mehr sehr viel geht. Ein Gefühl teilen sie aber alle: Der Zenit ist erreicht. Jedenfalls für alle, die nicht mal für ein paar Stunden um ein paar Millionen ins All fliegen, einfach because they can.

Haben wir wirklich so verdammt wenig Idee von der Zukunft, dass wir dauernd in die angeblich glorreiche Vergangenheit schauen müssen?

Vielleicht kippt die Faszination fürs alte Rom deshalb so oft ins Übermäßige: Rom ist Sehnsucht und Warnung zugleich. Sehnsucht nach einem Imperium, in dem über Hunderte von Jahren alle­s funktioniert. Reichtum und Frieden, Innovation und Hande­l, Kunst und Kultur. Und Rom ist Warnung, dass einfach nichts ewig hält, keine ewige Stadt, kein ewiger Frieden, kein ewiger Fortschritt, weil am Ende wird alles irgendwann überrannt, was schwach wird. (Verdammt, klingt dieser Satz nach Peter Thiel und seinem Meidlinger Kofferträger, Anm.) 

Die Geschichte ist zu gut, um sich nicht zu halten, auch wenn man längst weiß, dass  sie überzogen ist – sowohl die Sehnsucht als auch die Warnung. Weder war das alte Rom für alle Menschen das großartigste aller Imperien, so als Sklave zum Beispiel war Rom kein Freilichtmuseum und auch eher kein Club Med mit vielleicht zu starkem Workout-Fokus. Und auch die Sache mit dem Untergang ist nicht so einfach, wie es sich die Rechten in den USA und auch in Europa machen.

Die Barbaren waren vielleicht gar keine Wilden, auch wenn sie in ihren Ursprungsländern keine Aquädukte bauten und die Verwendung eines Ablativus absolutus für sinnlos und schnöselig hielten. Apropos: Ist es nicht ein bisschen lustig, dass gerade die von den Nazis so verehrten Germanen in den Augen der US-Rechten nichts anderes sind als eine Horde von Wilden, die auf Bäumen wohnten? Und ist es nicht fast noch lustiger, dass die Nazis von heute alle Migrationsbewegungen warnend als Völkerwanderung bezeichnen, obwohl ihre Vorbilder selbst Teil einer Völkerwanderung waren? Weil wie kamen denn die ganzen Nazis zum Beispiel nach Südamerika? Aber lassen wir das.

Je unsicherer die Zukunft ist, desto verlockender ist es, in die Vergangenheit zu schauen. Vor allem, wenn sie aus so tollen, grausamen, beeindruckenden Geschichten besteht wie jenen aus dem alten Rom. Wir sollten ihr nur nicht auf den Leim gehen. Nichts kommt wieder, wie es war. Nicht einmal dann, wenn rechte Tech-Diktatoren sich das herbeiprompten.

„Ist Rom das Leben eines guten Mannes wert? Wir glaubten es einmal. Macht, dass wir es wieder glauben“, sagt Connie Nielse­n in ihrer Rolle als Marc Aurels Tochter Lucilla ganz am Ende von „Gladiator“, als ihr Langzeit-Crush Russell Crowe tot in der Aren­a liegt, und schreit dann laut: „Er war ein Soldat Roms. Ehrt ihn.“ Jede Wette, dass Zuckerberg, Musk und Co geheult haben wie die Schlosshunde, als sie diese Szene zum ersten Mal gesehen habe­n. Vielleicht hätte ihnen besser jemand gesagt, dass es Maximus Decimu­s Meridius im echten Leben gar nicht gegeben hat.

 

Erschienen in Fleisch #75
Toga-Party - Das alte Rom ist wieder modern
Sommer 2025

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