Als im Sommer 2015 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak nach Europa ziehen, um hier Asyl zu beantragen, gibt es sehr viel Hilfsbereitschaft. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt: „Wir schaff en das.“ Die andere Seite – oft steht sie politisch ganz schön weit rechts – aber sagt: „Völkerwanderung“ und meint damit, dass Massen von Fremden kommen, die alles fundamental verändern.
So stellt man sich die Original-Völkerwanderung vor 1.500 Jahren nämlich vor: Die brutalen Hunnen sind nach Europa gekommen und haben dann die nicht weniger brutalen Goten, Vandalen, Franken und noch ein paar andere in Bewegung versetzt. Am Ende war das Weströmische Reich Geschichte – und zack begann das finstere Mittelalter. Ganz schwindlig machten einen die vielen Pfeile auf den Landkarten zur Völkerwanderung in den Schulbüchern.
Zumindest in der Theorie hat sich diese Sicht der Dinge erübrigt.
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Völkerwanderung reloaded
Seit ein paar Jahrzehnten räumen Historiker:innen und Archäolog:innen mit Mythen auf, die sich nicht länger halten lassen. „Es waren zum Beispiel nicht fertige Völker, die aus Skandinavien oder Norddeutschland losgezogen sind, und es waren auch keine Massen von Menschen“, sagt Walter Pohl, Professor für Mittelalterliche Geschicht e und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien. Die Gruppen, die sich da zusammengeschlossen hatten, waren Allianzen, manchmal Milizen, manchmal Glücksritter; ethnisch nicht homogen. „Erst als sich ihre Lage stabilisierte, als sie etwa ein Königreich bilden können, entstand in ihnen so etwas wie eine gemeinsame Identität“, sagt Pohl. Und das dauerte.
Genauso wenig stimmt es, dass sie plötzlich aus dem finsteren germanischen Wald kamen, um Rom zu stürzen. Schon lange kamen viele, um ein Teil davon zu werden. Als die Goten 375 vor den Hunnen flüchteten, versuchten sie jenseits der Donau Asyl zu bekommen – und bekamen es auch.
Und Odoaker, der Heerführer aus hunnischem Milieu, der 476 den letzten weströmischen Kaiser absetzte, ließ sich erst einmal noch brav vom oströmischen Kaiser bestätigen. Wie viele Verbündete hatte auch Odoaker der römischen Armee gedient, ohne Söldner aus der Nachbarschaft hätte diese längt nicht mehr funktioniert.
„In dieser wirren Zeit hat Rom oft Deals gemacht: Wir geben eurer Gruppe ein Jahr lang Getreide, dafür helft ihr uns gegen die andere Gruppe“, sagt Roland Steinacher, Professor für Alte Geschichte an der Uni Innsbruck. Systemchange sieht jedenfalls anders aus. Revolution auch.
Eher war das, was ab 476 geschah, ein Wechsel auf Raten – und er geschah von innen heraus. Die Volksgruppen, die nach und nach regional die Macht übernahmen, waren oft längst schon da. Die lokale Bevölkerung musste dann jeweils entscheiden: Kämpft sie noch für ein Reich, von dem sie schon länger nichts mehr hatte außer ständigen Stress? Oder arrangiert sie sich mit den neuen Anführern?
Wir wissen, wie es ausging. Rom hatte schon seinen Glanz verloren.