>>> Der Weg zum ersten Schuss führt manchmal mitten in ein Kriegsgebiet, manchmal reicht aber ein Ausflug nach Wien-Stammersdorf. Es ist Dienstagmittag und in der Van-Swieten-Kaserne im 21. Bezirk stehen zwei junge Männer mit Sturmgewehr vor einem großen Bildschirm. Sie rücken eine Straße vor, dabei tauchen immer wieder Personen vor ihnen auf. Der eine hat eine Kalaschnikow, die andere ein Messer, eine dritte ein Baby.
Ein bisschen sieht es aus wie in „Counterstrike“ oder „Call of Duty“, nur dass nicht mit dem Controller geschossen wird, sondern mit etwas, das wie eine echte Waffe aussieht. Doch als nach mehreren Salven die Straße verschwindet, steht eine Null auf dem Schirm. Und das ist gut so: Kein Ziel wurde getroffen, das nicht getroffen werden sollte. Allen virtuellen Babys geht es gut. „Das ist das Wichtigste“, sagt Vizeleutnant Robert Baumer. „Wir lernen hier, unter Stressbedingungen Freund und Feind zu unterscheiden.“Hier, im Dachboden des Sanitätszentrums Ost in der Van-Swieten-Kaserne, findet ein militärisches Training des Österreichischen Bundesheeres statt. Die Anlage ist relativ neu, sie besteht aus einem virtuellen Schießstand, einem „Virtual Reality“-Raum und einem Bereich, in dem man unter Videobeobachtung Szenarien trainieren kann.
Das Simulationszentrum wurde über Jahre von Offizieren neben ihren eigentlichen Aufgaben entwickelt. Es gehört zum Modernsten, was das Bundesheer zu bieten hat, und dementsprechend stolz sind die Verantwortlichen. Derartige virtuelle Trainingsmöglichkeiten sind eine Chance, vor allem für Armeen, die es ein wenig billiger machen müssen: Sie kosten nur einen Bruchteil von dem, was echte Munition am echten Truppenübungsplatz kosten würde. „Wir sparen uns Millionen an Munition“, sagt Baumer. Von den Soldaten wird es gut angenommen, auch weil es einen Aspekt hat, den man heute „Gamification“ nennt: Nach einem Durchgang kann man seinen Punktestand auf einer Rangliste eintragen.
Jahrzehntelang ging es in der öffentlichen Wahrnehmung bei der Kombination von Krieg und Videospielen meistens um den schlechten Einfluss der sogenannten „Killerspiele“, die wirklich nicht gut beleumundet sind (allein der Name ist ja schon ein bisschen verräterisch, Anm.). Gar nicht wenige Menschen, die sich berufen fühlten, eine Meinung zum Thema zu haben, waren der Meinung, dass Ballerspiele die Gewaltbereitschaft erhöhen. Das war nicht wegzuargumentieren, egal, wie oft die Forschung es widerlegte. In den vergangenen Jahren hat die Sache eine neue Dimension bekommen, und das liegt vor allem am Kriegsgeschehen in der Ukraine. Dort sitzen überall, sowohl an der Front als auch im Hinterland, Drohnenpiloten mit Headset und Controller und nehmen Operationen nur mehr über den Bildschirm wahr. >>>
„Virtuelle Trainings sind eine Chance für Armeen, die aufs Geld schauen. Damit sparen sie Millionen an Munition.“
Im April verkündete Präsident Wolodymyr Selenskyj, man habe zum ersten Mal eine russische Position nur mit Robotern erobert, ohne den Einsatz von Infanterie. Gleichzeitig kombinierte der Iran im Krieg gegen die USA und Israel erstmals systematisch verschiedene Cyber-Einheiten parallel zu seinen militärischen Operationen. Das Schlachtfeld von heute ist nicht mehr das, das einmal gewesen ist. Und damit vielleicht auch die Einschätzung der Gamer und ihrer Fähigkeiten.
Die Kriegsführung verändert sich und damit auch die Fragen, die aufgeworfen werden. Wenn Krieg auch für die Soldaten immer mehr auf den Bildschirmen stattfindet, hat man dann einen Vorteil, wenn man auch so viel Zeit vor dem Bildschirm verbringt? Hilft die Erfahrung mit einer virtuellen Pistole bei der Nutzung einer echten? Oder einfacher: Sind Gamer die besseren Soldaten? So ganz falsch ist dieser Gedanke nicht. Thomas Erndl, Verteidigungssprecher der Union im Deutschen Bundestag, sagte im Dezember, dass Gamer eine wichtige Zielgruppe für die Bundeswehr seien, weil sie Multitasking, Reaktionsfähigkeit und Kommunikation in einer Gruppe mitbrächten – etwas, das die Soldaten von heute dringend brauchen. Als die US-Army Medien in ihr Drohnen-Innovationszentrum in Bayern einlud, erklärte der dortige Captain, dass Gamer am kontrolliertesten, schnellsten und präzisesten fliegen würden: „Die besten Piloten sind die Soldaten, die nach Feierabend Videospiele spielen.“
Es ist vor allem der moderne Drohnenkrieg, der „Call of Duty“ immer häufiger zu einem „Call of Reality“ werden lässt. Das US-amerikanische Drohnenabwehrsystem „Merops“, das von der Ukraine und Ländern wie Polen eingesetzt wird, wird mit handelsüblichen Xbox-Controllern gesteuert – sie kosten 30 US-Dollar pro Stück. Die Controller sind intuitiv zu bedienen, das Training an einem Merops-System dauert zwei Wochen. Das ist auch eine Lehre aus der Ukraine: Im Drohnenkrieg ist günstiges, schnell einsatzbereites und leicht ersetzbares Material ein Vorteil. Auch Russland setzt Gaming-Controller für seine Drohnen ein, weshalb sie seit Anfang 2025 auf der Sanktionsliste der Europäischen Union stehen.
In Stammersdorf sitzen jetzt gerade vier junge Männer konzentriert auf Stühlen und sind mit dem Kopf doch ganz woanders. Die Soldaten haben VR-Brillen auf der Nase, über die Controller in ihren Händen können sie mit der Simulation interagieren. Das System ist neu und erst seit etwa einem Monat einsatzbereit. Es geht darum, die Soldaten unter möglichst realen Bedingungen in der Entscheidungsfindung zu trainieren. Für die jungen Soldaten ist das eine coole Sache. „Es erinnert schon ein wenig an ein Videospiel, auch wenn es natürlich ein sehr ernstes Videospiel ist“, sagt Jonathan, einer der vier Rekruten.
Setzt man selbst die Brille auf, ist man sofort mitten in der Szene: eine Stadt, eine Straße, eine Linie von Sandsäcken. Am Boden liegen mehrere virtuell Verletzte verteilt. Man muss sich im Team zu ihnen bewegen und entscheiden, was zu tun ist. Der Ausbildner steht ebenfalls vor einem Monitor. Er sieht alles und kann die Übung im Nachhinein mitbesprechen. Für das Bundesheer zählt auch hier vor allem der Effizienzgedanke – wenn eine Übung weniger kostet, kann ich mehr Soldaten ein besseres Training zukommen lassen. „Der große Vorteil ist, dass wir hier auf Knopfdruck eine ganze Reihe von Szenarien simulieren können“, sagt Baumer. Auf Knopfdruck springt man von einem urbanen Setting in ein ländliches. „Wir sparen uns damit eine Menge Zeit und Geld.“
Spielerische Elemente zur Ausbildung von Soldaten einzusetzen ist keine neue Idee. 1824 erfand ein junger preußischer Artillerieoffizier das sogenannte „Kriegsspiel“ – ein militärisches Planspiel, bei dem größere Armeebewegungen simuliert wurden und das nicht dem Zeitvertreib, sondern der Ausbildung diente. Die Gedanken waren ähnlich wie heute: Truppen real hin- und herzuschieben ist kompliziert und teuer, Simulationen ermöglichen es, mehr Szenarien durchzuspielen.
Das passiert auch heute noch: Die NATO probt regelmäßig mit dem Kriegsspiel „Suwałki Gap“ einen möglichen Konflikt mit Russland, auch zur Offiziersausbildung gehören Kriegssimulationen dazu. Aber das sind alles großflächige Manöver. Der technologische Fortschritt ermöglicht es, das zunehmend auch für das Training einfacher Soldaten anzuwenden.
Auch dass das Militär Gaming-Communitys als Rekrutierungsfeld sieht, ist keine ganze neue Entwicklung. Die Deutsche Bundeswehr ist seit Jahren auf der Gamescom in Köln vertreten. Das Österreichische Bundesheer hat regelmäßig einen Stand auf der „Level Up“-Gamingmesse in Salzburg, wo es unter anderem einen virtuellen Schießstand aufbaut. Seit 2021 beschäftigt das Bundesheer neben den „normalen“ Heeressportlern auch E-Sportler – etwas, das Amerikaner, Briten und Deutsche ebenfalls schon sehr lange machen.
Die Heeressportler einer neuen Generation sind offenbar gute Testimonials in einer neuen Zielgruppe. Bei der Generation Alpha und der Gen Z käme dieser moderne Zugang gut an, sagte ein Soldat vor einigen Wochen zum „Kurier“. „Ich gehe seit 2003 in Schulen, um die jungen Leute über Karrieren beim Bundesheer zu informieren“, sagt Horst Dauerböck, Kommandant des Sanitätszentrums Ost, später bei einem Kaffee in seinem Büro. „Man kriegt sie, indem man ihnen eine vielfältige und spannende Ausbildung bietet. Da gehört High-Tech dazu.“ Hört man Dauerböck zu, dann merkt man, wie sich das Anforderungsprofil an die modernen Armeen verändert hat. „Die Gefahr eines konventionellen Angriffs auf österreichisches Staatsgebiet ist gering. Was uns beschäftigt, ist die hybride Kriegsführung.“ Man müsse Landesverteidigung heute umfassend denken: als militärische, zivile, wirtschaftliche und geistige Landesverteidigung. >>>
„Gaming ist ein gutes Tool, um neue Soldaten anzuwerben. Die Bundeswehr ist seit Jahren auf der Gamescom vertreten.“
Armeen in Europa suchen Menschen, die bereit sind, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Aber eine Waffe kann heute auch mehr sein als ein Gewehr. „Wir brauchen alle gesellschaftlichen Schichten beim Bundesheer: den Offizier, den jungen Rekruten mit der Waffe in der Hand, aber auch den High-Tech-Soldaten und den IT-Nerd“, sagt Dauerböck. Unter den Abteilungen, die für das Bundesheer bei der „Level Up“-Gamingmesse Werbung machen, sind auch die Direktion 6 für Informations- und Kommunikationstechnologie und Cyber und die Elektronische Kampfführungskompanie vom Führungsunterstützungsbataillon. Für solche Abteilungen ist an einem Counterstrike-Spieler weniger interessant, wie gut er konkret andere Spieler über den Haufen schießen kann, sondern dass er eine schnelle Auffassungsgabe hat und sich für Computer interessiert.
Sind Gamer die besseren Krieger? Die Antwort ist ein „Nein, aber“. Die Vorstellung, Videospiele würden einen zu einem Krieger machen, ist Quatsch. Wer in seiner Freizeit gerne virtuell ballert, ist nicht automatisch geeigneter als Soldat (das ist eine Message, die wohl auch viele Zocker freut – die E-Sport-Szene hat viel Arbeit investiert, ihr Hobby als normales Hobby zu etablieren. Anm.). Wer es tut, weil er Gewalt gut findet, der hat sogar das Potenzial, ein ziemlich schlechter zu sein.
Aber wer gerne zockt, der erwirbt eben auch Fähigkeiten, die übertragbar sind – und nützlich. Zum einen auf einer generellen Ebene: Wer Spaß daran hat, in seiner Freizeit stundenlang in (hauptsächlich männlichen) Teams militärische Aufgaben zu lösen, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, beim Bundesheer glücklich zu werden.
Aber im Ukraine-Krieg zeigt sich jeden Tag, dass auf dem Schlachtfeld der Zukunft die Fähigkeiten von Gamern viel direkter nützlich sind, als man es vielleicht gedacht hätte. <<<
