Christian Stocker ist Bundeskanzler und 66 Jahre alt. Klaudia Tanner ist Verteidigungsministerin und 56 Jahre. Alexander Van der Bellen ist Bundespräsident, oberster Befehlshaber des Österreichischen Bundesheeres und 82 Jahre alt. Erwin Hameseder ist Generalanwalt des Raiffeisenverbands, Generalmajor des Bundesheeres, Leiter der Wehrdienstkommission und 69 Jahre alt. Sie alle sind dafür, dass Österreich wieder wehrhafter wird, dass mehr Menschen wissen, was im Kriegsfall zu tun ist – und sie alle werden ganz sicher in so einem Fall vieles tun müssen, aber eines ganz sicher nicht: kämpfen.
Sehr wenig ist Österreicher:innen so fremd wie der Krieg. Die Menschen, die den letzten erlebt haben, die Opfer und die Täter, sterben langsam aus. Der Krieg in Österreich ist Geschichte, es gibt ihn nur noch in Schwarz-Weiß, im Museum und im Themenabend auf ORF III. Er ist nichts mehr, das wir uns vorstellen können. Und wollen tun wir das sowieso nicht. 81 Jahre Frieden sind schließlich nicht Nichts, 71 Jahre Neutralität auch nicht. In Österreich über Krieg nachzudenken ist so, wie über eine Meisterfeier von Rapid Wien oder einen Meteoriteneinschlag nachzudenken: Kann man machen, muss man aber nicht. Es müsste schon ziemlich blöd zugehen, dass der Komet ausgerechnet uns erwischt, und außerdem wird’s gerade Sommer, der Himmel ist blau und die Sonne scheint.
2022 sah es für ein paar Monate ein bisschen anders aus. Lviv ist von Wien ungefähr gleich weit entfernt wie Bregenz. Aber dort war plötzlich Krieg. Russland wollte wieder ein Imperium sein, griff an und zwang die Ukrainer:innen dazu, sich zu entscheiden: aufgeben oder kämpfen? Aus ganz normalen Menschen, die sich zwischen Job und Familie aufreiben, wurden Soldaten oder Flüchtende, mit wenigen Ausnahmen hatte das auch in der Ukraine niemand auf der Bucket List seines Lebens. Für ein paar Monate spürte man auch in Österreich den Schock. Die Angst, doch nicht so unverletzlich zu sein, war plötzlich da. Was tun wir, wenn nicht nur Menschen, sondern auch Raketen über die Grenze kommen? Klang und klingt absurd, aber irgendwo im Bauch war da ein Grundgrummeln. Und das hat sich noch nicht ganz beruhigt. Vor allem, weil die Welt ein immer unsicherer und unvorhersehbarer Ort wird. Wer weiß schon, was Donald Trump als Nächstes macht? Und wie wird ein Zusammenleben in Europa, wenn man Wahlen nur noch mit nationalstaatlichen Parolen gewinnt, um es vorsichtig zu formulieren?
„Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ ist ein ziemlich abgedroschener Satz, den Alt-Hippies gerne sagen. Besserwisser sagen darauf, dass das dem Krieg scheißegal ist, weil er nämlich zu dir kommt, wenn du nicht hingehst. Wenn du angegriffen wirst und dich nicht verteidigen kannst, brauchst du entweder einen stärkeren Freund oder einen Plan oder du gibst auf. Vladimir Putin hat einige österreichische Freund:innen und in Moskau wird immer noch gefeiert – so schlimm ist der ja vielleicht gar nicht.
Russlands Krieg gegen die Ukraine dauert mittlerweile länger, als der Erste Weltkrieg gedauert hat, und nicht nur in Österreich ist er zu einem Randthema geworden, zu einem Hintergrundgeräusch aus Bombenangriffen und Drohnenschwärmen. Man hört von Toten, aber sie regen uns weniger auf als die steigenden Preise. Mal rückt die Front ein paar Kilometer nach links, dann wieder nach rechts. Mal wollen die Amerikaner verhandeln, mal nicht, weil Grönland, Gaza, Venezuela und Iran, noch so ein Krieg in noch so einem Land, wegen dem die Preise steigen übrigens. Die Lage ist unübersichtlich. Wir ahnen, dass es nicht mehr so werden wird wie früher. Aber was genau kommt stattdessen? Und kann man sich darauf vorbereiten?
„Jede dämliche Feuerübung zeigt, dass es Schwachstellen gibt, dass Türen klemmen oder Feuerlöscher zu hoch hängen.“
Vielleicht ist es keine schlechte Übung, mal extremer zu denken: Was bin ich bereit zu tun? Was könnte ich beitragen? Für was würde ich mein Leben riskieren? Würde ich kämpfen? Mit der Waffe? Jede dämliche Feuerübung zeigt, dass es Schwachstellen gibt, dass Türen klemmen oder Feuerlöscher zu hoch hängen. Man wird also nicht gleich zum Militaristen, wenn man sich mal ein Heft lang damit auseinandersetzt.
Wenn Ukrainer:innen erzählen, was sie gerade tun, dann sagen sie: Wir verteidigen auch eure Werte, eure Freiheit, euer Europa. Das klingt bei allem Irrwitz ein bisschen romantisch. Und es ist anders gesehen eine Horrorvorstellung, dass alles umsonst gewesen sein könnte, wenn Russland doch noch gewinnt oder der Friede, der kommt, kein fairer ist. Wahrscheinlich lernt man schnell, auch ohne Strom seine Kinder zu versorgen und einen Winter zu überstehen, wahrscheinlich lernt man sogar schnell, eine Waffe zu bedienen. Wahrscheinlich kann man auch die Frage, ob man bereit ist, für etwas zu kämpfen, erst dann wirklich beantworten, wenn man Angst um sein Leben hat. Und dennoch ist es vielleicht nicht falsch, mal zu schauen: Wo stehen wir eigentlich, als Land, als Freundeskreis, als Familie, als Einzelne:r – im Ernstfall?
Dass das so schwer liegt, hat nicht nur mit der Feigheit zu tun, sondern auch einfach mit Österreich. Damit, zum Beispiel, dass das Österreichische Bundesheer über Jahrzehnte vor allem etwas für Adelige mit Entzugserscheinungen war oder eben für die Menschen, denen wir Zivildiener in der Schule Post-its mit der Aufschrift „Kick me“ auf den Rücken geklebt haben. Die Männer in Uniform, die seit Februar 2022 regelmäßig im Fernsehen sitzen, zeigen zwar deutlich, dass das alles dumme Vorurteile sind, aber trotzdem: Wir tun uns damit vielleicht auch deswegen schwer, weil die meisten Politiker:innen, die von Aufrüstung reden, auch sonst sehr unerfreuliche Dinge fordern. Bei ihnen schimmert oft nicht nur ein Hass aufs Sozialsystem durch, sondern auch eine Sehnsucht nach der alten Ordnung: nach Disziplin, Hierarchie, Patriotismus, Kreuz, Tracht und Schnitzel. Und mal ehrlich: Wer bitte will die Landeshauptleutekonferenz verteidigen oder das Bierzelt von Herbert Kickl oder die Tiroler, die auf dem Weg zum Gauder Fest im Zillertal Nazi-Parolen durch den Zug brüllen. Wer will dafür eine Waffe in die Hand nehmen und sein Leben riskieren?
Es spricht wahnsinnig viel dagegen, sich mit Krieg und Kampf auseinanderzusetzen. Man will keine schlafenden Hunde wecken, man will nicht Ideale in den Vordergrund stellen, die man wirklich überhaupt nicht teilt, nicht das Patriarchat, nicht den Befehl von oben; man hat ganz andere Ideen von einer Gesellschaft entwickelt, in der sehr viel mehr Lebensentwürfe Platz haben als der Heldentod. Aber ist es nicht auch ganz schön vermessen, sich darauf auszuruhen? In anderen Ländern ist das Verhältnis zu Militär und Krieg sehr viel weniger verkrampft als in Österreich. Vieles damit hat mit der jüngeren Geschichte zu tun, manches mit der Geografie. Wenn deine Eltern in den 1990ern vor einem Bürgerkrieg geflohen sind, dann denkst du wahrscheinlich anders über die Möglichkeit eines Krieges nach, als wenn du aus dem Ybbstal kommst. Wenn du Russland zum Nachbarn hast, lebst du mit einer anderen Gefahr, als wenn es Italien oder Ungarn sind (ja, sogar Ungarn).
„Es spricht wahnsinnig viel dagegen, sich mit Krieg und Kampf auseinanderzusetzen. Aber angesichts der Weltlage ist es trotzdem kein Fehler.“
Schweden, zum Beispiel, ist der NATO beigetreten, ohne deshalb gleich zur faschistoiden Macho-Nation zu werden und seinen egalitären Sozialstaat aufzugeben. Aber auch Schwedens Minister für Zivilschutz musste sich verteidigen, nachdem er im Vorjahr gefragt hatte, ob die Schwed:innen eigentlich vorbereitet wären für einen Ernstfall. Seither wird wenigstens wieder mehr über Kurbelradios geredet oder darüber, wie man gezielte Fehlinformationen erkennt, über Vorräte, die man zu Hause haben sollte, über Basisdinge eben. Ein Krieg betrifft nie nur die Soldaten. Wenn er kommt, sollte eigentlich niemand völlig planlos sein – aber auch nicht völlig unkritisch.
Wenn Politiker:innen in Europa heute vom Aufrüsten reden, dann sagen sie immer sehr schnell dazu, dass es dabei um Abschreckung geht, allerhöchstens um Verteidigung. Niemand redet gerne darüber, dass auch die Verteidigung bedeutet, dass Menschen sterben. Dass das manche Waffennarren sogar super finden. Dass jeder Krieg Traumata hinterlässt, aber auch Dynamiken entwickelt. Klar kann man das verdrängen, lieber rausgehen in die Sonne und den Klimawandel genießen. Vielleicht ist es aber nicht nur schlau, wenn die Antworten auf die großen Fragen nur von jenen kommen, die sich eine Welt zurückwünschen, die es nicht mehr gibt. Und die, die gerade den ewigen Frieden versprechen, noch weniger Ahnung von einer Zukunft haben. Wir wissen nicht, was kommt. Aber wenn wir für den Ernstfall vorbereitet sind, wissen wir vielleicht auch, welche Zukunft wir verteidigen möchten.
