Was würdest du mit deinem eigenen Leben verteidigen und das vielleicht sogar mit einer Waffe? Weil das eine sehr schwierige Frage ist, haben wir sie ein paar schlauen Menschen gestellt - unter anderem Kurdwin Ayub.

Text: Kurdwin Ayub

Foto: Antonia Mayer

WÜRDE ICH ETWAS VERTEIDIGEN WOLLEN
Ich glaube, ich muss ganz cringe sagen: ja, meine Familie und meine engsten Freunde. Meinen Mann, weiß ich nicht. Nein, Spaß. Ich verteidige ihn auch. Ich werde traurig, wenn sie alle traurig werden. Wütend, wenn sie alle wütend werden, und ich will sie rächen, wenn sie sich das wünschen. Ist das cringe?

Aber würde ich zur Waffe greifen für sie? Das Ding ist: Ich bin wegen meines Films momentan umgeben von Waffen und Männern, die Waffen trugen und/oder tragen. Wenn ich ihnen zusehe, wie sie schießen oder wie sie ihre Waffen halten, dann kommt mir das so vor, als wären sie die Verlängerung ihres Glieds. Also ich glaube, so fühlt es sich für sie an. Vielleicht macht es mir deswegen keinen Spaß, eine Waffe zu halten? Ich finde, dass sie im Weg ist. Ein Ungetüm, das meinen Körper belastet. Wenn ich sie nicht halte, kann ich andere Dinge tragen und halten und reparieren und zeichnen und lesen und gestalten und retten … Also ja, ich würde nicht zur Waffe greifen, ich würde rennen. Oder?

Ja, doch! Ich würde meine Familie, meine Freunde, meine Tiere und ja, okay, auch meinen Mann mitnehmen und flüchten. Weil – für was kämpfen? Für Grenzen? Ist mir scheißegal. Für meine Werte? Die kann ich auch woanders ausüben. Für die anderen Menschen? … Na ja. … viel zu viel Enttäuschung … Bin ich egoistisch? Zynisch? Ich bin mit dem Kriegstrauma meiner Eltern aufgewachsen. Sie sind mit mir, als ich ein Baby war, schon einmal aus einem Krieg geflüchtet, und jedes Mal hat mir meine Mutter gesagt, dass das Einzige, was sich Menschen im Krieg wünschen, ist, dass der Krieg aufhört. Und wenn er nicht aufhört, dann muss man halt gehen. Wenn es möglich ist (und das ist es oft nicht), dann sollte man rennen. Es ist voll okay. Man kämpft doch eh schon jeden Tag gegen Selbstkritik, Zweifel, Wut, Hass, Gedankenspiralen … Aber wenn ich diese Männer sehe, die ihre Waffen wie ihre Glieder halten, die gefangen sind in der Rolle der absoluten „Maskulinität“, dann frage ich mich: Du kämpfst doch nicht für mich, wenn ich doch abhauen will?

Während meine Biologie und/oder die Gesellschaft mir offenbar eingetrichtert hat, dass ich das irgendwie auch geil finde, sehe ich doch auch hindurch – also, wenn ich gerade nicht ovuliere. Ich sehe den kleinen Jungen hinter den Steroiden und den Waffen. Ich sehe die Todessehnsucht und die Suche nach dem Sinn des Lebens, während sie darum kämpfen. Krieg kann geil sein. Er macht Gefühle, die niemand kennt. Als ich für eine Doku 2015 an der kurdischen Front war und die Soldaten sah, die ihr Land gegen den IS verteidigten, habe ich es gespürt: Es hat Sinn gemacht, zu kämpfen – um zu leben. Keine anderen Probleme wie Steuererklärung, Miete und Bausparvertrag. Es ging einfach nur um das pure Leben.

Das wollte man verteidigen. Aber wenn er vorbei ist, der Krieg, dann sehnt man sich danach zurück, wegen Trauma und so … Es hört einfach nicht auf … Also … besser rennen, Bitch!

KURDWIN AYUB ist Drehbuchautorin und Regisseurin. Zuletzt erschien ihr zweiter Spielfilm „Mond“, in dem unter anderem Florentina Holzinger mitspielte. Kurdwin hat sich dem „Projekt Dogma 25 Germany“ angeschlossen und will einen Film ganz nach den Dogma-Regeln drehen.