Was würdest du mit deinem eigenen Leben verteidigen und das vielleicht sogar mit einer Waffe? Weil das eine sehr schwierige Frage ist, haben wir sie ein paar schlauen Menschen gestellt - unter anderem David Schalko.

Text: David Schalko

WAS MAN MIT SEINEM LEBEN VERTEIDIGEN WÜRDE ,WAR DIE FRAGE. Jaja, ich weiß. Und wer jetzt nicht das Leben seiner Kinder, seiner Liebsten et cetera schreiben will, kommt spätestens hier ins Straucheln. Auch das Paradoxon, mich selbst würde ich mit dem Leben verteidigen, führt nicht weiter. Und ehrlicherweise: Auch den Voltaire-Ansatz, man würde sein Leben dafür geben, dass der andere seine Meinung kundtun kann, ist ebenfalls eine halbherzige Angelegenheit. Oder würden Sie den Kopf dafür hinhalten, dass irgendwelche Neonazis ihre Parolen schwingen können?

Die Verteidigungslinien sind dieser Tage sehr engmaschig gestrickt, muss man sagen. Wir scheinen ja selbst an den großen Errungenschaften der Aufklärung oder des Sozialstaates nicht sonderlich zu hängen. Nicht unbedingt, weil wir diese insgeheim als Naturgesetze annehmen, sondern weil wir glauben, dass sich alles wieder reparieren lässt. Es wird sich schon wer finden, der es wieder richtet, so der insgeheime Glaube. Wie lange so was dauern kann, sehen wir an Ungarn. Moment: Denkfehler. Da war ja einer, der behauptete, alles zu reparieren. Und das, was sich nicht reparieren lässt (Stichwort Klimakatastrophe) wird erfolgreich negiert. Das existiert schlichtweg nicht. Ergo: Eine Falle. Ein Illusionskünstler. Ein Zauberer.

Das ist vielleicht der beängstigende Punkt: Dass wir immer mehr an Zauberei glauben wollen – oder müssen. Inzwischen wollen gefühlterweise mehr Menschen in einem politischen Hogwarts leben als in der Realität. Ist das eine Frage der mangelnden Möglichkeiten? Glauben wir nicht mehr an die Lösbarkeit der großen Probleme? Oder fehlt uns schlicht die Geduld?

In der aktuellen Debattenkultur hat man das Gefühl, dass Zweiteres der Fall ist. Man bringt einfach nicht mehr die Langmut für die konträren Ansichten eines Gegenübers auf. Alles muss schnell gehen. Schließlich hat die Aufklärung vor allem die Erkenntnis gebracht, dass es kein Leben nach einem verschwendeten Leben gibt und deshalb gehorcht auch hier alles der Effizienz. Keine Zeit für Langeweile, keine Zeit für die Leben der Anderen, die ohnehin nur noch Ausstattung für das eigene sind. Alles dreht sich, alles bewegt sich – um uns. Und die sozialen Medien sind unser Karussell, um auch dabei keine unnötige Zeit zu verlieren. Dass unsere Hast der größte Feind der Lebensgeister ist, weil sie für ständige Erschöpfung sorgt, ist zwar eine Erkenntnis, die wir gern zitieren, aber selten auch leben. Unsere angehäuften Fotoromane eines gelungenen Lebens retten wir zwar aus den brennenden Häusern, aber wenn wir sterben, werden sie dennoch weggeworfen. Vielleicht müsste man also erst die Frage „Wofür lohnt es sich zu leben?“ für uns beantworten, bevor wir uns um die Vermessung der lebensbedrohlichen Verteidigungs­linien kümmern. Steckt darin auch die Wertigkeit? Sind wir durch die Eile in einem ständigen Optionieren gefangen?

Wenn etwas verloren geht, gibt es immer eine Alternative. Diese scheinbare Flexibilität hat auch etwas Resilientes. Klar. Aber sie erzeugt nichts Bleibendes. Man ist mehr mit der Kunst des Verlierens beschäftigt als mit dem Gewinnen. Wir Österreicher kennen das im Besonderen, weil wir ans Verlieren gewöhnt sind. Das macht einen Teil unserer Mentalität aus. Kommen wir deshalb schon schlecht gelaunt zur Welt? Oder entwickeln wir daraus unseren weltweit beneideten fatalistischen Humor. Stichwort Toni Pfeffer, der in der Halbzeit beim Stand von 0:5 gegen Spanien sagte: „Hoch werden wir es nicht mehr gewinnen.“ Eine Art resignativer Gelassenheit, die eher nicht das Sterben fürs eigene Land impliziert. Man bleibt lieber passiv-neutral und hofft, wenn es hart auf hart kommt, übersehen zu werden.

Man kann vermutlich nur für etwas sterben wollen, wenn es etwas gibt, das einem mehr wert ist als man selbst. Man endet dann doch wieder bei den Kindern und den Liebsten. Und der Frage: „Wie weit kann man diesen Radius ziehen?“ Der war aber immer schon sehr klein, selbst in Zeiten, als man noch daran geglaubt hat, im Paradies dafür belohnt zu werden. Naheliegender und zeitgemäßer ist der Reflex: „Gibt es nicht doch eine Alternative?“ Und die gibt es ja bekanntlich fast immer. Daran glauben wir zumindest noch.

DAVID SCHALKO ist Regisseur, Schriftsteller und Produzent. Zuletzt erschien „Braunschlag 1986“, die Fortsetzung der Erfolgsserie, die Deutsche für typisch österreichisch halten, und zwar völlig zu Recht. „Was der Tag bringt“, Schalkos jüngster Roman, wurde 2023 bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht. .