text - Sebastian Huber 


Provinz

Kategorie: Body&Soul
Gesehen: zum Beispiel Sankt Pölten


Wer gern in der Stadt lebt, belügt sich selbst. Seit ich nach Wien gezogen bin, vermisse ich die oberösterreichische Provinz fast täglich. Ich erzähle dann mit feuchten Augen den lungenschwachen Stadtkindern vom mystischen Landleben.

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Wo man sich noch in Ruhe Cola Rot ins Blut ballern und auf Tischen Shakiras Waka Waka mitsingen kann in Billabong-Badehose – ohne schiefe Blicke. Wo man beim einzigen Dönermann im Umkreis von 30 Kilometern einen Der-Gerät-Witz aus 2012 macht und die Leute lachen trotzdem noch. Und Guerilla Gardening heißt hier noch, beim Jaucheausfahren unabsichtlich den halben Nachbarsgarten inklusive der im Freien spielenden Kinder zu erwischen.

Hier wird nicht verbissen versucht, der Fortschrittlichste zu sein, das nimmt Druck raus. In der Stadt fahre ich Fahrrad, aber in der Provinz genieße ich es, die 200 Meter zum Einkaufen mit dem Auto zurückzulegen, ohne dafür geächtet zu werden. Am Land geht man auch noch zum Haareschneiden zum Friseur und nicht zum Gin-Tonic-Trinken, während einem der Hair Creative Director Unisex-Bartöl ins Gesicht klatscht und für einen Allerweltsundercut 50 Euro möchte.

Hier gehen die Leute noch arbeiten und es gibt keine digitalen Performer, die auf dem Flohmarktrennrad mit weißen Secondhand-Reeboks zu ihrem ironisch unterbezahlten Job bei einem Koffeinbier-Start-up fahren, bis sie sich irgendwann durch LinkedIn hochbumsen können in die einzige Vollzeitarbeitsstelle irgendeines anderen Koffeinbier-Start-ups.

Auch kulturell ist die Provinz deutlich entspannter. Mein erster Kontakt mit einer fremden Kultur war Axe Africa. Und die einzige Street Art besteht aus ejakulierenden Penissen, die mit Edding 3000 auf Bushaltestellenpläne gezeichnet wurden. Keine gesellschaftskritischen, unbequemen Banksy-Verschnitte wie in Wien, die auf Insta-Walks von seelenlosen Influencern abgeklappert werden, um mit den Bildern ein paar Likes von ihren Followern abzumelken.

Und noch was muss man sagen: Das einzige Burn-out, das ich in meiner Jugend in der Provinz hatte, war, als ich Sambuca in den Mund geschüttet und dann angezündet habe. Einfach nur geil. 
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Erschienen im Sommer 2017
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