text - Georg renner
Fotos – Bundeskanzleramt


Das Kern-Team

Christian Kern hat die Fantasien vieler beflügelt, vor allem bei den Menschen, die für ihn arbeiten. Und jetzt? Wie fühlt es sich an, für einen Messias zu kämpfen? 

Montag, 30. Jänner, es ist früher Morgen, manche würden sagen: Es ist noch mitten in der Nacht. Die Sonne ist gerade aufgegangen, es ist bitterlich kalt in Wien, und irgendwo am Donaukanal steht der stellvertretende Kabinettschef des Bundeskanzlers in einem Copyshop und kopiert. Seite für Seite schießt aus dem Gerät vor ihm der Text jenes Regierungsabkommens heraus, auf das sich SPÖ und ÖVP in einer mehrtägigen Marathonsitzung gerade geeinigt haben. Es ist dieser Text, der den gefühlt 100. Neustart dieser Koalition einläuten soll, dieser Text, den Bundeskanzler Christian Kern als „letzte Chance“ bezeichnet hat, der Text, den danach einige seiner Parteifreunde als Anbiederung an ÖVP-Positionen bezeichnen werden.

Es ist ein Kompromiss. Und dafür hat Brian Schmidt, der stellvertretende Kabinettschef, einige Stunden Nachtschlaf geopfert, und zu allem Überdruss muss er ihn jetzt auch noch vor dem Morgengrauen kopieren, damit auch jeder der Koaltionsverhandler weiß, was er da genau verhandelt hat (eine Info, die vor allem für Innenminister Wolfgang Sobotka sehr wichtig ist, Anm.). Ein leitender Mitarbeiter des Bundeskanzleramts muss Texte kopieren? Echt jetzt?

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Als Christian Kern im Mai 2016 als Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzender antrat, da löste er unter den Menschen, die sich zum linken Reichs­drittel zählen, jede Menge Hoffnung aus. Er beflügelte bei vielen die Fantasie, es lag so etwas wie ein Aufbruch in der Luft. Dank Kern, der es schaffte, sich als so etwas wie die österreichische Ausgabe des supersmarten kanadischen Premierministers Justin Trudeau zu inszenieren, interessierten sich Menschen auf einmal wieder für Parteipolitik und die SPÖ – zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten hatte die SPÖ dank ihres neuen Parteichefs einen Mitgliederzuwachs. 

95 Prozent der Politik sind Inszenierung – sagte Kern

Doch es waren eben nicht nur die potenziellen Wähler draußen, die er ansprach: Kern sammelte schon frühzeitig Menschen um sich, die früher mal sehr erfolgreich für die SPÖ gearbeitet, sich in den Faymann-Jahren aber von der Partei abgewandt hatten. Werber, Marketingexperten, Lobbyisten gehörten dazu; sie alle wollten sich auf einmal wieder für einen Kanzler engagieren. Kern, der ja selbst viele Jahre als Pressesprecher und Sekretär im Parlamentsklub für die Partei gearbeitet hatte, schaffte es offenbar, ihnen allen das Gefühl zu geben, dass es mit der SPÖ vielleicht doch noch nicht ganz vorbei wäre. Er beflügelte. Er faszinierte. Er begeisterte Menschen – für die Partei. Und für ihn selbst. Das gab es in der Politik schon sehr lange nicht mehr. 

95 Prozent der Politik sind Inszenierung, das hat der Kanzler selbst mal gesagt, und zur Inszenierung von Christian Kern gehört seit seinen ersten Arbeitstagen unzweifelhaft sein Team. Seit er regiert, veröffentlicht das Bundeskanzleramt immer mal wieder Fotos von Kern, und meistens sind darauf auch junge, gut aussehende Menschen in Business-Kostümen oder in schwarzen Anzügen zu sehen. Das ist sein Team, sein Inner Circle, sein Kabinett. 14 Menschen gehören da dazu, vier Frauen, zehn Männer. Es wirkt wie ein sehr, sehr junges Team, den Fotos nach ist das eher die Besetzung einer Thirtysomething-Sitcom als die Mannschaft, die das wichtigste Amt der österreichischen Bundesverwaltung schupft. Aber am Ende machen sie genau das. 

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Jeder Politiker steht und fällt mit der Kompetenz seines Kabinetts, und bei keinem Politiker trifft das mehr zu als bei Christian Kern: Nicht nur, dass Bundeskanzler generell unter den höchsten Ansprüchen stehen, eigentlich zu jedem Thema schnell und fundiert etwas sagen zu können – dadurch, dass Kern ab seinem Amtsantritt spät in der Legislaturperiode maximal zwei Jahre Zeit hat, steht sein Kabinett unter besonderem Druck. Sie arbeiten nämlich für einen Kanzler, der, wenn er eine Chance haben will, Ergebnisse liefern muss. Und der dafür eigentlich keine Zeit hat, weil er in Kürze vor die Wähler treten wird. Liefern kann er aber nur, wenn ihn sein Team trägt und sich bedingungslos für ihn einsetzt. Am besten 24/7. 

"Hart, zach, familienfeindlich"

„Es ist ein Job für eher junge Menschen geworden“, sagt Schmidt, mit 33 Jahren und als stellvertretender Kabinettschef so etwas wie ein Veteran im Dienst seines Herrn. Schmidt hat davor schon für Kanzleramtsminister Josef Ostermayer und später für Bildungsministerin Sonja Hammerschmid gearbeitet, er weiß also, was es heißt, einem Spitzenpolitiker zuzuarbeiten. „Hart, zach, familienfeindlich“ sei die Arbeit in einem Kabinett: Es sei nicht einfach gewesen, gute Leute zu finden, sagt er, weil sich „den Job viele nicht mehr antun wollten“.   

Aber ganz offenbar hat Kern es geschafft, ein besonderes Team aufzubauen, eines, das sich für ihn wirklich aufopfert. Weil er sie besonders motiviert? Oder weil sie glauben, dass es sich unter Kern besonders auszahlt? 

Wenn man mit Leuten spricht, die in den vergangenen Monaten häufig mit Kerns Team zu tun hatten – zitieren lässt sich in der aufreibenden Halbwelt zwischen Politik und Verwaltung kaum jemand gerne –, hört man von Mails, geschickt in den frühen Morgenstunden, auf die man stets sofort eine Antwort bekäme, von detailreichen Hintergrundgesprächen, unterbrochen durch zig SMS und Anrufe – aber stets durchgehend lobende Worte: „Die brennen für ihren Job, das muss man schon sagen.“ 

Interessant ist die Zusammensetzung des Teams von Christian Kern, es ist nämlich für SPÖ-Verhältnisse vergleichsweise bunt zusammengewürfelt. Für Kern arbeiten Menschen, die privat in der links-progressiven Sektion 8 engagiert sind genauso wie Menschen, die davor in der Arbeiterkammer gearbeitet haben oder zum doch eher dogmatischen Gewerkschaftsflügel zählen. Kern hat Mitarbeiter, die davor schon für den jetzt nicht gerade inspirierenden Werner Faymann gearbeitet haben, die davor zum Team von Sozialminister Alois Stöger gehört hatten – Stöger und seine Leute waren unter Faymann so etwas wie die belächelten Faktoten, denen man beim Familientreffen zwar freundlich auf die Schulter geklopft hat, aber nur, damit man ihnen dabei ein „Kick me“-Post-it auf den Rücken heften konnte. Für Kern arbeiten nun Arbeiterkämmerer und Menschen, die davor schon in der ÖBB für ihn engagiert waren.

Denken wie der Chef 

Kern kann offenbar Menschen begeistern, er kann ihnen das Gefühl geben, dass ihre Arbeit ganz besonders wichtig ist, und er kann Menschen zusammenbringen. Kern hat es geschafft, diese inhomogene Gruppe schnell zu einem Team zu formen. Das spürt man, sobald man mit Kabinettsmitarbeitern spricht, oder mit Leuten, die mit ihnen zusammengearbeitet haben. 

Zum Teil mag das mit der Wagenburg-Mentalität zusammenhängen, die gemeinsame Großprojekte mit sich bringen: Wer nächtelang Ideen diskutiert hat – etwa jene, die sich später im „Plan A“ wiederfinden sollten – oder bis in die frühen Morgenstunden mit den Pendants in schwarzen Kabinetten über einzelne Formulierungen des neuen Koalitionspakts gerungen hat, kann kaum anders, als miteinander zu funktionieren. 

Den Effekt, den man auch beobachten kann, wenn man mittags in der nahe gelegenen „L’Osteria“ ein Kabinettsmitglied trifft, das gerade eine Massenbestellung abholt: Nicht nur bei den täglichen Routine-Früh- und -Spätsitzungen des Kabinetts, in denen an der Politik des Kanzlers gefeilt wird, sondern auch zum Mittagessen kommt Kerns Mannschaft oft zusammen. Ohne Kern, meistens übrigens: Der Kanzler hat mit seinem Team seines durchgetakteten Terminplans wegen selten Gruppentermine – Sachbriefings passieren bilateral in Halbstundeneinheiten, manchmal auch nur per Telefon. 

Aber das, sagt jemand, der das Team am Ballhausplatz sehr genau kennt, spiele wenig Rolle: „Entweder die denken wie ihr Chef, dann brauchen sie ihn eh praktisch gar nicht – oder es läuft eh was grundlegend falsch, dann merkt man das sofort in der politischen Arbeit.“ 

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Darüber hinaus ist Kern im Umgang mit seinen Mitarbeitern ziemlich zurückhaltend. Zwar duzt er die Mitarbeiter seines Teams sozialdemokratisch-jovial (etwas, das bei Kerns großem Vorbild Franz Vranitzky nicht üblich war und erst unter dessen Nachfolger Viktor Klima eingeführt wurde, Anm.), aber Kern ist für seine Mitarbeiter alles andere als ein Kumpel-Typ. Er fordert von seinen Leuten Leistung, besonderes Lob oder gar Zuneigung gibt es für sein Team aber selten bis nie – selbst dann nicht, wenn seine Anforderungen oder die mitunter nur sehr schwer umzusetzenden Terminvorgaben eingehalten werden. 

Die Frau als wichtigste Beraterin

Kern hört bei Besprechungen zwar zu, kann aber, wenn etwas nicht nach seinem Willen läuft, schnell mürrisch und dünnhäutig werden. „Du merkst sehr schnell, wenn er mit dir nicht zufrieden ist“, sagt einer, der über längere Zeit näher am Kanzler dran war. Andere wiederum sagen, dass Kern selbst von seinen engsten Mitarbeitern überraschend wenig weiß. Familienstand? Eigenheiten? Hobbys? Ist nicht Gegenstand des Jobs, also uninteressant. 

Fakt ist, dass Kern viele Menschen hat, denen er zuhört. Er sammelt Meinungen, Stimmungen, wichtige Reden lässt er von unterschiedlichen Mitarbeitern und auch Zuarbeitern von außen schreiben und schreibt sie dann entweder trotzdem selbst nochmals neu oder baut aus verschiedensten Versatzstücken ein neues Ganzes zusammen. Wer genau wann genau das Ohr des Kanzlers hat, ist selbst für enge Freunde und Mitarbeiter nicht ganz klar: „Fix ist nur, dass seine Frau immer über alles Bescheid weiß und seine wichtigste Beraterin ist.“ 

Für Leute aus seinem Umfeld ist das nicht immer einfach. Und auch wenn es in Kerns Kabinett im vergangenen Jahr, gemessen am Stressfaktor des Jobs, überraschend wenig Abgänge gegeben hat – zumindest unter den externen Beratern hat es in den vergangenen zwölf Monaten eine enorme Fluktuation gegeben. Während sich manche der Freunde aus der gemeinsamen Parlamentszeit verabschiedet haben, kamen andere, wie etwa der umstrittene Social-Media-Experte Rudi Fußi, dazu. „Kern saugt durchaus auch Leute aus“, sagt ein anderer, der früher enger mit ihm zusammengearbeitet hat.

Kern saugt Leute aus 

Die Wege, die in Kabinette führen, sind höchst unterschiedlich und bei weitem nicht nur klassische Parteikarrieren, wie man das vielleicht erwarten würde. Schmidt, zum Beispiel, ein Niederösterreicher aus einer kleinen Gemeinde am Wechsel, in der die ÖVP bis heute eine absolute Mehrheit hält, kam erst nach seinem Jusstudium über „liberalere“ Juristenkreise in Kontakt mit der Partei. Er wurde Mitarbeiter von SPÖ-Justizsprecher Johannes Jarolim – und von dort Referent für den Korruptions-U-Ausschuss 2011/12, in dem er am Beispiel einzelner Geschichten aus der schwarz-blauen Ära auch lernte, wie leicht Kabinettsarbeit manchmal zu Recht in ein schiefes Licht geraten kann. Schmidt, inzwischen Parteimitglied, wechselte nach Ende des U-Ausschusses dann an den Asylgerichtshof – bevor er das Angebot bekam, ins Kabinett Ostermayers zu wechseln. 

Warum er diesen Job angenommen hat? Schmidt erklärt das heute mit dem Rat eines amerikanischen Freundes: Der habe ihn überzeugt, „Public Service“ sei doch eine große Ehre, eine Auszeichnung, die einem im Rest des Berufslebens stets nützen werde. Was, wie Schmidt inzwischen weiß, in Österreich nicht immer ganz so gesehen wird. Aber natürlich haben Kabinettsjobs auch noch andere Vorzüge: Im Gegensatz zu den meisten Positionen im öffentlichen Dienst sind Politiker hier vergleichsweise frei in der Vertragsgestaltung – sie können etwa Gehälter bieten, die weit über dem liegen, was ein normaler Beamter oder Vertragsbediensteter in dem (Dienst-)Alter verdienen würde. 

Dazu kommt die Chance auf höhere Weihen: Wer sich in einem Kabinett bewährt, kommt durch die Nähe zum Chef gelegentlich schnell voran in der politischen und politiknahen Welt. Josef Ostermayer, zum Beispiel, war im Infrastrukturministerium Kabinettschef eines gewissen Werner Faymann, die Chefs staatlicher Institutionen wie Statistik Austria oder AMS kommen aus Kabinetten, Kerns Kurzzeit-Kabinettschefin Maria Maltschnig leitet heute das SPÖ-Renner-Institut. 

Tatsächlich ist diese Nachversorgung für Kabinettsmitarbeiter auch nicht ganz unwichtig. Denn in der Regel sind ihre Verträge auf die Amtszeit ihrer Chefs begrenzt – das heißt, sobald ein Minister zurücktritt oder abgewählt wird, verlieren auch ein Dutzend Mitarbeiter ihre Jobs. Was zur Folge hat, dass Kabinette häufig aus Leuten aus dem öffentlichen Dienst bestehen, wo sie sich für ihre Kabinettsarbeit vorübergehend freistellen lassen können. Andererseits gibt es für politisch interessierte Beobachter deswegen auch ein gutes Indiz, an dem man erkennen kann, wenn Minister und Kanzler selbst nicht mehr daran glauben, dass ihre Amtszeit noch lange dauern wird – sie beginnen dann nämlich, ihre Mitarbeiter mit Jobs zu versorgen. 
Dem Vernehmen nach ist das im Bundeskanzleramt noch nicht so. 

Diese Geschichte steht in Fleisch Nr. 41, jetzt im Zeitschriftenhandel erhältlich oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Erschienen im Frühjahr 2017
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