text - Corinna Milborn
  

Macht den Mund auf 

Corinna Milborn findet es gut, wenn jemand auf
die Straße geht. Aber Online-Aktivismus ist
vielleicht sogar noch besser.


Manchmal stelle ich mir vor, wie sie „auf die Straße gehen“, die Nörgler und Runterzieher, auf einer Nebenfahrbahn der Ringstraße oder auf der Prater Hauptallee rumstehen – oder wo Demonstrationen künftig noch erlaubt sind – und das tun, was sie fordern: sich „echt engagieren“, statt online seinen Unmut kundzutun.
Es wäre ein trauriges Häufchen mit Kugelschreiber-gemalten Papierschildern, auf denen stünde: „Online-Petitionen unterschreiben ist doch nur die nutzlose Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite zu stehen.“ Oder: „Ich hasse diese Empörungskultur auf Facebook, tut doch was und geht auf die Straße.“ Und natürlich: „Was nützt es, wenn du deiner eigenen Filterblase immer wieder erzählst, was sie eh selbst denkt, außer dass du dich danach besser fühlst bei deinem Freilandbiofrühstücksei?“ Dazwischen wird sich einer einschleichen mit dem Schild: „Und wie viele Flüchtlinge hast du selbst schon untergebracht?“
Natürlich wird das traurige Häufchen nie, so wie es von den anderen fordert, im echten Leben zusammentreffen. Wer Online-Engagement niedermacht, geht schon gar nicht selbst auf die Straße (und wer auf die Straße geht, tut das auf jeden Fall auch auf Facebook kund).

Es gibt viele Argumente, sich NICHT online zu engagieren. Man kann sich zum Beispiel fragen, ob man seine wertvolle Zeit dafür einsetzen will, Mark Zuckerbergs Milliardenvermögen zu vermehren. Man kann sich Gedanken darüber machen, wie sinnvoll es ist, rassistische Ausfälle mit einem höheren Ranking im Facebook-Algorithmus zu belohnen, indem man sie teilt und kommentiert. Man kann sich auch tatsächlich fragen, wie viel der Zeit, die man online verbringt, anders besser eingesetzt wäre, indem man etwa mit einem echten Menschen telefoniert.
Ein Argument zählt aber sicher nicht: Es ist nicht wirkungslos, sich in sozialen Medien und Foren zu äußern.

Demokratie braucht einen Raum, in dem sich Meinungen bilden. In Athen war das die Agora, der Marktplatz, auf dem sich die Bürger versammelten, um die Basis für gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Auch dort wurde nicht nur politisiert. Auf der Agora fanden identitätsbildende Kulthandlungen statt, es wurde musiziert und gespielt, geflirtet und gestritten. Es gab Sportwettbewerbe und öffentliche Gerichtsverhandlungen, und sicher schlich immer wieder Cat Content über den Platz.
Die Agora – in dieser Vielfalt – war der Ort der politischen Meinungsbildung. Wo keine Agora vorhanden war, schreibt Homer, herrschten Recht- und Gesetzlosigkeit. Dabei erfüllte der „Platz“ für die demokratische Meinungsbildung zumindest zwei wichtige Funktionen: Es war der Ort, an dem Debatten ausgetragen und Argumente ausgetauscht wurden. Und es war der Ort, an dem man ein „Meinungsklima“ erspüren und sich danach richten konnte.
Nun ist dieses „Meinungsklima“, das „Spüren“ der „Stimmung“, ein erstaunlich wichtiger Faktor im politischen Prozess. Menschen wollen wissen, wo sie im Vergleich zur Mehrheit stehen, und sich in Bezug dazu einordnen. Deshalb war der Stammtisch nach der Kirche, an dem die unterschiedlichsten Menschen zusammenkamen, so wichtig.
Deshalb sind – als Massenmedien die Stammtische ablösten – Meinungsumfragen dermaßen erfolgreich und viel diskutiert: Weil sie Anhaltspunkte für das Meinungsklima bieten. Und genau deshalb ist es nicht egal, wer die Hoheit über die Debatten auf Facebook und in den Foren der Massenmedien hat.

Kaum jemand kann sich der Versuchung entziehen, nach einem Artikel die Kommentare dazu zumindest zu überfliegen. Und auch wer es abstreitet, wird davon in seiner Meinung beeinflusst: Die Kommentare und Facebook-Einträge gaukeln ein Abbild des Meinungsklimas im Land vor, und das beeinflusst – ganz real – politische Entscheidungen, den Wert von Marken und das Wohlergehen einzelner Personen.
Die Rechten und ihre Ableger und Förderer haben das schon lange erkannt und sich einen enormen Vorsprung bei der Nützung von sozialen Medien und Foren erarbeitet. Die FPÖ hat mit einer gut organisierten Poster-Armee und den reichweitenstärksten Facebook-Seiten des Landes eine mediale Gegenmacht aufgebaut, die vorgaukelt, die Meinung des „Volkes“ im Gegensatz zu der des „Establishments“ zu zeigen.
Der Kreml beschäftigt über eigene Firmen Hunderte Poster, die nichts anderes tun, als in sozialen Medien und in den Foren westeuropäischer Medien Desinformation und Propaganda zu streuen, und das so geschickt, dass sie sich in die Hirne und Herzen schleicht. Wer glaubt, das sei wirkungslos, soll sich im Bekanntenkreis umhören: Wer hat nicht einen linksliberalen, intellektuellen Bekann- ten – immer schon gegen Diktaturen, für sexuelle Freiheit und Pressefreiheit –, der sich in den letzten Jahren schleichend zum Putin-Apologeten gewandelt hat? Das ist die Macht der Online-Foren und der sozialen Medien. Wenn man sie nützt.

Ich habe volles Verständnis für alle, denen das zu mühsam ist. Die zu müde sind, sich dem rechten rassistischen Strom der Kommentare entgegenzustemmen. Ich verstehe, dass viele die Foren von Krone und Presse schon lange aufgegeben haben und sich aus dem Standard-Forum zurückziehen. Ich habe erst recht Verständnis für Frauen, die von den Vergewaltigungswünschen und sexuellen Herabwürdigungen eingeschüchtert sind und verstummen – und das sind täglich mehr.
Aber niemand soll denken, dass dieser kollektive Rückzug, dieses Überlassen der modernen Agora, wirkungslos ist.
Es ist genau diese Entwicklung, die den gefühlten rechten Mainstream im Land ausmacht, der politische Entscheidungen ermöglicht, die der tatsächlichen Meinung der Bevölkerung überhaupt nicht entsprechen. Die Asylpolitik ist vielleicht das herausragendste Beispiel dafür: Kein Asylheim brennt in Österreich, niemand lebt auf der Straße – weil die Bevölkerung sich engagiert.
Viele Tausende Menschen in Österreich verbringen ihre Freizeit mit Flüchtlingen, geben Sprachkurse, organisieren Fußballspiele, lernen mit den Kindern oder haben wen im Gästezimmer untergebracht. Zugleich ist der Druck gegen sie online so groß, dass sie verstummen und bitten, nicht genannt zu werden, wenn sie über ihr Engagement sprechen – aus Angst vor den Kommentaren.
So verschwinden diese realen Stimmen, überlagert von Bots und Poster-Armeen und jenen, die nichts tun, aber laut schreien. So wird ein Meinungsklima suggeriert und schließlich gemacht, das mit der Realität nur mehr wenig zu tun hat.

Die gute Nachricht: Es ist wirklich einfach, dem entgegenzutreten. Selbst der Klick auf die Online-Petition ist wirkungsvoller, als man sich als Klickender so denkt – das weiß ich, seit ich selbst Ziel einer solchen Petition war. Als der Falter unter dem Titel „Uns reichts“ vier Texte von Journalistinnen auf die Titelseite hob, die sich gegen Frauenhass im Netz wehrten, startete irgendwer auf „aufstehn.at“ eine Solidaritäts-Liste. Es haben dort 12.000 Menschen unterschrieben und einen kleinen Kommentar hinterlassen, um uns den Rücken zu stärken. Und seither kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Shitstorms sind unangenehm, aber online bestärkt zu werden ist unendlich viel wirkungsvoller.
Es ist kein verlorener Klick.

Also: Doch, es nützt etwas, auch wenn man nicht auf die Straße geht, sondern nur irgendwo klickt oder seine Meinung sagt. Macht den Mund auf!



Dieser Text stammt aus Fleisch Nr. 41, dem Heft über Engagement. Jetzt im Zeitschriftenhandel oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

Erschienen im Frühjahr 2017
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