Text - Peter Filzmaier

Haben Sie Angst vor Komplexität, Herr Filzmaier?  

Natürlich habe ich privat ganz banale Ängste – von der Gesundheit bis zur Zukunft der Kinder. Das geht die Öffentlichkeit nichts an und interessiert diese hoffentlich auch nicht. Wer sich damit medial inszeniert und so seine Angstgefühle verkompliziert, ist selbst schuld. Thema des Artikels ist also einzig und allein meine berufsbezogene Angst, welche freilich viel komplexer und schieriger zu beschreiben ist.
1. Wenn sich Sozialwissenschaftler mit etwas beschäftigen, so neigen sie zur Themenannäherung mittels historischem Längsschnitt und Begriffsdefinitionen. Sparen wir uns lieber die Geschichte der Angst eines öffentlich auftretenden Wissenschaftlers ab den Zeiten der ersten Universitätsgründung in Österreich 1365 bis zur Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gensfleisch Gutenberg (1400-1468) als Voraussetzung für Zeitungen als Medium. Da wäre die maximale Zeichenzahl aufgebraucht, lange bevor wir in meinen Berufslebezeiten – mit der allerersten Fernsehanalyse 1998 – anlangen.

Vor den Begrifflichkeiten drücke ich mich nicht, obwohl sie für die Beschreibung der eigenen Ängste eine schwere Kost sind. Der Psychoanalytiker Fritz Riemann nennt nämlich in seinem gleichlautenden Standardwerk von schizophren über depressiv und zwanghaft bis hysterisch vier Grundformen der Angst. Das sind Worte, die auf den ersten Blick in Verbindung mit der eigenen Person nicht gefallen.

Das Verhältnis von Fakten und Meinung

2. Bei näherer Betrachtung ist bei den Basisängsten jedes menschlichen Wesens eine Menge für mehr oder weniger wissenschaftliche Analysen in den Medien zutreffend. Eine gewisse Persönlichkeitsspaltung etwa brauche ich, um zu entscheiden, ob und wann wie viel an (scheinbar) neutralen Fakten oder individueller Meinung angebracht ist. Der stocknüchterne Vortrag von irgendwelchen Daten wäre zu wenig, emotionale Propagandareden der dadurch gestützten Interpretationen sind zu viel. Die daraus resultierende Gratwanderung führt zur latenten Dauerangst, in die eine oder andere Richtung zu kippen.

Genauso braucht es unbewusst erlernte Reaktionsmuster gegen das Echo nach medialen Präsenzen, um Kritik anzunehmen und zugleich Beschimpfungen auszublenden. Was im letztgenannten Fall bei Rückmeldungen bis hin zu Gewaltdrohungen gegen die Familie nicht leichtfällt. Ich habe freilich Angst, zu sehr auch inhaltliches Feedback auszublenden, weil depressiv wird, wer sich über jeden Einzelfehler ewig grämt. Parallel dazu verstehe ich mich als Vermittler für Politik- und Medienbildung und habe Angst, entweder zu wenig engagiert oder zu missionarisch – also zwanghaft getrieben – zu sein.

Das Gefühl der Hysterie war mir bisher unbekannt, weil Konzentrationsschwächen im Studio hatte ich bisher nie. Wobei … oje, vielleicht hätte ich nicht noch nachlesen sollen, was von Neurosen bis Panikattacken vor einer Kamera alles passieren kann. Grundsätzlich erscheint mir bei Ängsten wichtig, alles zu reflektieren, jedoch mit passendem Zeitabstand vor und nach einer Sendung. In der Situation selbst ist das unmöglich.

Es macht Angst, wenn der Fehler nicht auffällt

3. Apropos Daten: Keinerlei Angst habe ich vor peinlichen „Hoppalas“. Solche sind menschlich und werden, hoffe ich, als allzu menschliche Fehler sogar gemocht. Einmal begann ich im Fernsehen eine Prozentrechnung der Stimmanteile von Wählergruppen, die zum schlechten Schluss einen klitzekleinen Haken hatte: Sie endete bei in Summe 120 Prozent. Na und? Das sollte nicht passieren und geschieht eben trotzdem.

Angst machte mir damals, dass es keinem auffiel. Weder dem Interviewer noch unserem Publikum. Sind sowohl Journalisten als auch Zuseher dem Experten gegenüber so unaufmerksam plus gutgläubig, dass derart hanebüchener Unsinn problemlos durchgeht? Wenn ja, welche riesige Verantwortung delegiert der vermeintlich mündige Bürger an Wissenschaftler, die fehlerlos sein müssten? Oder wird von den Wählern gar Lieblingspolitikern – nicht jenen der Gegenseite – genauso jedes Zahlenspiel und alles, was sie daherreden, geglaubt? Da wäre Angst angebracht.

Die wahrscheinlichste Erklärungsvariante ist, dass in elektronischen Medien vom Fernsehen bis zu Facebook, Twitter & Co mehr als eine Zahl pro Aussage nicht mehr rezipiert wird. Jeder von uns kann gerundete Prozente addieren, doch in der Multitasking-Welt mit drei bis zehn „Second Screens“ – ein mathematisch also falscher Ausdruck – tun wir es nicht. Selbst ungleich vielfältigere Zusammenhänge werden auf eine (Zahlen-)Überschrift reduziert. Das sollte sowohl der Mediengesellschaft als auch dem in ihr auftretenden Wissenschaftler Angst machen.

Das Fernsehen verkürzt am brutalsten

4. Was meine erzählte Erfahrung veranschaulichen soll: Medien verkürzen, das Fernsehen verkürzt am brutalsten. Selbst die Relativitätstheorie wird zu einem sekundenschnellen Soundbyte. Mit einer Nachhaltigkeit, die jede Eintagsfliege übertreffen kann. Das durchschnittliche Experteninterview im Fernsehen dauert drei bis fünf Minuten, der Originalton in Beiträgen 12 bis 15 Sekunden. Wie sollen komplexe Sachverhalte in derart kurzer Zeit für ein breites Publikum verständlich erklärt und kommentiert werden?

Ich respektiere jeden Fachkollegen, der sich deshalb Medien verweigert. Weil die erzwungene Vereinfachung naturgemäß auf Kosten des Inhalts geht. Wer das leugnet, schwindelt gewaltig. Doch warum immer: Ich hatte nie Angst vor Komplexität, sondern habe das als positive Herausforderung verstanden und angenommen. Auf die beschriebene Medienlogik als Dilemma ist hinzuweisen, doch ist der Totalverzicht auf massenmediale Erklärungsversuche die bessere Idee? Mit so einer Begründung müssten als Analogie zu den analysierenden Experten alle berichterstattenden Journalisten in Fernsehen und Zeitungen ihren Betrieb sofort einstellen.

An einem Wahlabend gibt es im ORF Millionen Zuseher. Fast so viele sind es auf Zeitungsseiten, meine Fachzeitschriftentexte lesen höchstens 400 Personen. Dennoch will ich beides schaffen. Da das mein eigener, freier Wille ist, wäre Angst das falsche Wort, wenn ich in Wahrheit nahezu jedes Thema oder Ereignis in der kurzen Zeit eines Interviews nicht echt ausreichend erklären kann.

Der richtige Ausdruck ist mehr Ärger und Unzufriedenheit als Angst. Zu einer professionellen Vorbereitung gehört der Versuch, 90 Prozent Dinge inhaltlich darlegen zu wollen, welche – manchmal zum Glück, weil man nicht ausreichend kompetent wäre – sich in der Sendung nicht ausgehen. Die tatsächliche oder eingebildete Bedeutung des Nichtgesagten nagt nachher an mir.

Die Bedeutung des Nichtgesagten nagt nachher an mir

5. Je ein Positiv- und Negativbeispiel fällt mir sofort ein: In den späten 90er und frühen 2000er Jahren, also vor und nach dem 11. September 2001, war die US-Demokratie mein Hauptforschungsgebiet. Nachdem die Flugzeuge in World Trade Center und Pentagon gekracht waren, gab es Dauersendungen ohne Pause. Andere und ich sollten etwas erklären, obwohl wir – wie jeder – tagelang im Prinzip nichts wussten. Nicht dass es falsch gewesen wäre, was ich sagte. Ich redete mit zeitfüllenden Aussagen über die ab „9/11“ komplett überholten Konzepte amerikanischer Außenpolitik und entsprechende Zuständigkeiten des Präsidenten am wirklichen Thema vorbei. Mir war sowohl das als auch die Bedeutung des Ereignisses allzu bewusst. Dabei habe ich mich grottenschlecht gefühlt und hätte Angst vor einem Déjà-vu.

Das subjektiv beste Interviewgespräch meines Lebens drehte sich gleichfalls um die USA. Leider hat es kaum jemand gesehen. Jede ORF-Wahlnacht dazu, wer Präsident Amerikas wird, ist lang. Also kam Armin Wolf als Moderator der Sendung – er war davor langjähriger Korrespondent in Washington D.C. gewesen – vor vielen Jahren spontan auf die Idee, einfach mit mir 20 Minuten lang in die Tiefe gehend über den politischen Wettbewerb in den USA zu diskutieren. Für mich war das sozusagen das Fernsehparadies. Zugeschaut haben vermutlich um drei Uhr früh nur Politfreaks und Schlafwandler.

Angst vor den Folgen der Angst

6. Eine Schnittmenge von privaten und beruflichen Ängsten gibt es übrigens. Aktuell blickt weniger als ein Viertel der Österreicher zuversichtlich in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist sorgenvoll und skeptisch. Sie befürchten einen wirtschaftlichen und sozialen Abstieg. Ein Teil rechnet mit viel Schlimmerem – von Armut bis Krieg und Terror. In anderen Ländern ist es ähnlich.

Nicht bloß Geschichts- und Politikwissenschaftler wissen, wo das als Stimmungslage hinführen kann. Uns ist es lediglich berufsbedingt bewusster. Wenn eine Mehrheit laufend Verschlechterungen der Lebenssituation empfindet, ist sie für Populismus und undemokratische Scheinlösungen der Misere umso empfänglicher. Zudem schüren nicht erst seit Al-Kaida und Daesh vulgo „Islamischer Staat“ politische Akteure Ängste der Bevölkerung, um semidemokratische Denk- und Vorgangsweisen zu rechtfertigen.

Davor habe ich gigantische Angst. Was dagegen getan werden kann? Abgesehen von politischer Bildungsarbeit als Langzeitkonzept vielleicht nicht viel, außer, die Ängste offen und ehrlich auszusprechen. Auch deshalb entstand dieser mein Artikel.
 


Dieser Text stammt aus Fleisch Nr. 40, jetzt im Zeitschriftenhandel oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!  oder gleich hier.  

Erschienen im Winter 2016
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