interview - martina bachler
  

Haben Sie Angst vor Flüchtigkeit, Herr Eichinger?  

Generell nicht, in meiner Arbeit aber habe ich das schon. Etwas aus Flüchtigkeit zu übersehen, das dann für sehr lange Zeit als Fehler oder Ungenauigkeit umso sichtbarer ist, das macht mir Angst. Das heißt nicht, dass alles gleich zusammenstürzt, aber es kann zu Ergebnissen kommen, die mich als Architekten belasten. Ich kann das Ding ja nicht gleich wieder abreißen. Das sind emotionale Katastrophen.

Und wenn wir Flüchtigkeit so verstehen, dass etwas nur für eine begrenzte Zeit relevant ist, dass es schnell wieder an Bedeutung verliert?

Das empfinde ich sogar als beruhigend. Wir können uns einfach nicht auf so wahnsinnig viele Sachen einlassen, weil unsere Energie und Kapazität beschränkt ist. Da ist es ganz gut, dass vieles nur flüchtig ist. Nur eine schnelle Geste, ein kleiner Hinweis, um etwas neu sehen zu können, das braucht gar nicht besonders tief zu gehen und kann dennoch sehr inspirierend sein.

Stehen Flüchtigkeit und der Beruf des Architekten nicht absolut im Widerspruch zueinander?

Ich habe längere Zeit bewusst auch Filmarchitektur gemacht, damit ich Raum eben auch mal nur ganz flüchtig erzeugen kann. Raum, der nicht bleibt, sondern wieder verschwindet. Es war sehr sympathisch, ihn abzureißen.

Warum?

Weil ich es als belastend empfinde, wenn mich meine Architekturen verfolgen. Mich interessiert es weniger, etwas zu schaffen, nur damit es sichtbar ist. Viel eher will ich einfach einen Raum für Menschen schaffen und ihn dann komplett loslassen. Ich sehe mich da eher als Vermittler zwischen Mensch und Raum, und da ist es ganz gut, wenn diese Dinge wieder aus dem Kopf verschwunden sind, bevor man sich einer neuen Aufgabe zuwendet.

Sie hatten nie Lust, für die Ewigkeit zu bauen?

Wenn man für die Ewigkeit baut, muss man starke Nerven haben. Kollegen, die meinen, sie würden für die Ewigkeit bauen, müssen sich dafür opfern, sie stellen sich in die Kunstgeschichte. Mich interessiert an einem Gebäude nie so sehr die Technik oder ob es überdauern soll oder nicht. Mich interessiert die Emotion, die es auslöst. Es sind unsere Emotionen, die überdauern. Wenn man sich die Höhlenmalereien von Lascaux anschaut, dann sieht man darin ja auch das Jetzt. Das ist damals, das ist auch heute, das bleibt. Wenn ein Gebäude nur um seiner selbst willen dasteht, als Zeichen, als eine Art Grabstein, dann ist das eigentlich erbärmlich. Da halte ich es mit den amerikanischen Naturvölkern, die davon ausgehen, dass man keine Spuren hinterlassen soll. Man will ja nicht ewig hierbleiben müssen, hier verankert sein.

Wirklich? Gar keine Spuren, bei niemandem und nirgends?

Ich möchte, dass sich Menschen wohlfühlen. Diese emotionale Ebene, die ist mir wichtig. Ändern sich die Umstände, unter denen Menschen sich wohlfühlen? Natürlich geht auch jeder in seinem Leben durch einen gewissen Bogen durch. Du fängst an einem bestimmten Punkt an, und wenn du älter wirst, werden andere Sachen wichtig. Damit muss man aber gut umgehen, man muss das adressieren. Alles andere ist technisch. Das Ziel aber muss sein, dass am Schluss Menschen an einem Tisch sitzen, miteinander reden, etwas essen, vielleicht gut dabei ausschauen und sich sehr wohlfühlen. Diesen emotionalen Kontext muss man vorher kennen und abbilden.

Dieser emotionale Kontext verschafft doch aber ebenfalls eine Bindung – auch wieder das Gegenteil von Flüchtigkeit.

Der große Architekt John Lautner sagte, er habe alle Gebäude von innen heraus entwickelt. Man baut für Menschen, und deshalb muss man die Menschen erst einmal mögen und sich mit ihnen beschäftigen. Manche Menschen sitzen aber vielleicht in einer Art Hühnerstall fest, also in etwas, das gar nicht für Menschen gebaut wurde, und sie fragen sich dann, was in ihrem Leben schiefläuft. Sie sind vielleicht einfach in den falschen Räumen. Wenn ich mit den Menschen gemeinsam an neuen Räumen arbeite, dann passiert das nicht. Und dann fällt auch das Loslassen leichter, trotz der vielleicht stärkeren Bindung. Aber ich musste es dennoch erst lernen.

Warum fällt das Loslassen dann leichter?

Wenn etwas wie das Restaurant im MAK oder das Café Stein öffentlichen Raum bedeutet, dann ist vollkommen klar, dass sich dieser verändern wird. Ich habe damit kein Problem, auch wenn sich so eine Veränderung für Menschen, die diese Orte gerne aufsuchen, manchmal anfühlen kann, als würde ihnen etwas weggenommen. Für mich war das MAK von Anfang an wie ein temporärer Ausstellungsraum, den wir eben für eine gewisse Zeit bespielten, und selbst wenn Sie ein Haus planen, ist klar, dass die Menschen, die darin wohnen, es adaptieren werden. Wesentlich dabei ist die individuelle Beziehung zu den Menschen, damit das gebaute Ergebnis dann auch wirklich das fertige Ding ist. Und während ich am Anfang bei jeder Einzelheit total dahinter war, dass es auch genauso, wie es vorgesehen war, umgesetzt wird, bin ich heute froh, wenn die generelle Richtung beibehalten wird. Ich kämpfe dafür, dass der Sinn erhalten bleibt, also das, was sich sowieso nicht aufzeichnen lässt.

Fordert dieser ständige Wandel, der unsere Zeit auszeichnet, auch eine flexiblere Architektur?

Die Grundrisse ändern sich, zum Beispiel, denn sie bilden das gesellschaftliche Leben ab. War früher ein Salon bedeutend, ist es heute die Küche, und waren die Schlafzimmer früher getrennt, ist man heute ganz nah beieinander. Auch das Arbeitsumfeld ändert sich, weil man erkannt hat, dass der Mensch nicht plötzlich vom Arbeitstier zum Familientier wird, sondern immer beides ist. Arbeitsräume sollen heute etwas ganz anderes schaffen als früher, nämlich Orte, an denen Menschen sich so aufgehoben und angenommen fühlen, dass sie kreativ aus sich herausgehen. Es ist sehr vieles in Bewegung, in der Politik, der Gesellschaft, in der Kommunikation, und natürlich brauchen wir dann auch Stabilisatoren, damit wir nicht die ganze Zeit im Unsicheren herumschwimmen. Das ist auch eine Aufgabe an den Raum: Er soll entschleunigen, Sicherheit geben, ein Zuhause schaffen. Das heißt aber nicht, dass er sich nicht auch verändern kann.

Befassen Sie sich heute mit anderen Fragen, wenn Sie über Raum nachdenken, als vor 20, 30 Jahren?

Es sind nicht andere Fragen, aber ich setze mich bestimmt bewusster damit auseinander. Man kann nicht alles gleich von Anfang an wissen, man muss über manche Dinge nachdenken, oft über Jahre hinweg. Und dann dreht sich ja auch die Welt weiter, es gibt technische Veränderungen und es gibt eine gemeinsame gesellschaftliche Entwicklung, wie eben etwa in der Arbeitswelt, die durch mobile Devices viel flexibler wurde. Uns muss bewusst sein, dass wir in einer Welt sind, die sehr beweglich ist. Angst versucht ja oft, das Neue zu verhindern. Diese zu überwinden und eine Leichtigkeit zu erzeugen, das ist auch eine Aufgabe an den Raum.

Der Raum schafft also Identität und spiegelt sie gleichzeitig?

Wenn man irgendwo hinkommt und gleich versteht, wie dieser Mensch tickt, dann kann man auch gleich zur Sache kommen. Das nimmt Ängste. Das haben auch Hotelketten erkannt, wie etwa das Soho House, das in Berlin und New York den gleichen Lifestyle vermittelt, von dem sich eben ganz bestimmte Menschen immer wahrgenommen fühlen.

Dadurch wird sich die Welt aber auch immer ähnlicher.

Bis vor kurzem war es so, dass bestimmte Trends exportiert wurden. Die Hipsterkultur ist ein gutes Beispiel dafür. Durch die neuen Kommunikationstechniken ist es aber so, dass Trends weltweit gleichzeitig entstehen und es dann umso mehr darauf ankommt, welche lokalen Ausformungen sie annehmen. Was Hotels betrifft, kann man also darüber nachdenken, wie man auf die Bedürfnisse von Menschen eingeht und dennoch aber auch ganz klar vermittelt, in welcher Stadt man sich gerade befindet. Ich kämpfe dafür, dass diese Sachen aus dem Inneren Wiens kommen, aus der reichen Kultur dieser Stadt, aus ihren Fassaden, ihren Türknäufen, ihren vielen Eigenheiten und dem Klang ihrer Sprache.

Wenn sich alles so schnell wandelt, was wird dann von dieser Zeit bleiben?

Ich hoffe, dass nicht sehr viel davon bleibt. Es ist eine Zeit, die eine große Verunsicherung hinterlässt und Spuren in der Natur. Aber was hoffentlich bleiben wird und stärker wird, sind junge Menschen, die zu einer kritischen Masse werden, sich also verdichten, und wirklich unabhängig sein können von der Gier, von der Geldwirtschaft. Die eine neue Welt definieren können.

Auch ästhetisch?

Heute gibt es ja nicht einen Stil oder Style, der für diese Zeit steht, sondern es passiert alles gleichzeitig. Und wir sehen, dass die Flüchtigkeit auch Monster gebiert, einfach dadurch, dass das Handwerk heute immer ausgeschaltet wird, dass alles am Computer entwickelt wird, also zweidimensional und so schnell, dass dabei manchmal das Nachdenken vergessen wird. Das hat die lange Arbeit an einem handgefertigten Stück einfach mit sich gebracht. Diese Zeit zum Nachdenken, die müssen wir uns wieder nehmen, die müssen sich die Jungen zurückholen. Dadurch, dass Oberflächen heute so schnell über Computer-Technologien und 3D-Drucker entstehen können, sollte eigentlich wieder mehr Zeit und Aufmerksamkeit für den Inhalt übrig sein.

Die Maxime lautet aber etwa im Silicon Valley: Lieber das Halbfertige schnell auf den Markt hauen und dann lernen und adaptieren und lernen und adaptieren. Das ist schwer vorstellbar, wenn es ums Bauen geht.

Man kann noch nicht sagen, welche Herangehensweise generell zum besseren Ergebnis führt. Es ist aber in jedem Fall interessant, dass sich das Konzept Zeit durch diese große Gleichzeitigkeit gerade auflöst. Es gibt übrigens ein Haus, an dem über mehrere Jahrzehnte ununterbrochen gearbeitet wurde, über sehr lange Zeit hinweg: das Winchester Mystery House in Kalifornien. Man glaubte, damit Geister fernhalten zu können, die darin gewohnt haben sollten. Ein sehr faszinierendes Haus.

Gregor Eichinger, Jahrgang 1956, ist ein renommierter und international ausgezeichneter Architekt. Er unterrichtet unter anderem an der Akademie der bildenden Künste in Wien, der ETH Zürich und der ADBK in München. 


Das Interview stammt aus Fleisch Nr. 40, der Angstnummer. Es gibt sie jetzt im Zeitschriftenhandel oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!  oder gleich hier.
 

Erschienen im Winter 2016
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