Text - Sibylle Hamann

Haben Sie Angst vor dem Fremden, Frau Hamann?  

Ich habe Angst vor dem Fremden. Jeder hat Angst vor dem Fremden. Angst vor dem Fremden ist normal. Weil ich Angst vor dem Fremden habe, habe ich einst zu reisen begonnen und bin später Auslandsreporterin geworden. Ich glaube, ich wollte lernen, meine Angst zu lieben, um sie dann in Liebe ersticken zu können.

In den fünfzehn Jahren, in denen ich diesen Job machte, gab es einen stets wiederkehrenden Extrem­angstmoment: Der Moment, wenn man zu einem Fremden ins Auto steigt. Das muss man ja leider häufig tun. Man ist meist allein unterwegs (mitreisende Fotografen zahlt schon lang kein Medium mehr), niemand hat einem ein Hotel gebucht, niemand organisiert einem Transport, Übersetzer oder sonst irgendwas.

Dann stehst du also da, am Flughafen von Kigali, Karachi, Quito oder sonst einem Ort, an dem du nie zuvor gewesen bist. Mit Lappen seltsamen Geldes in der Hand, die du eben gegen die mitgebrachten Bar-Dollar eingetauscht hast. Du zählst verwirrt die Nullen auf den Geldscheinen nach, überschlägst im Kopf, ob das, was du in der Hand hältst, für eine Cola oder für einen Hauskauf reicht, klammerst deinen Rucksack fest, setzt einen festen Schritt vor den anderen und versuchst, mit möglichst tapferem Gesichtsausdruck das Spalier der Abholer mit den Namensschildern abzuschreiten.

Nein, keiner da für dich.
Natürlich nicht.
Nie.

Du wirst, nachdem alle anderen aus deinem Flieger ihr Schild und ihren Abholer gefunden haben, ein paar endlose Minuten später als einzige Weiße, als einzige Frau aus der automatischen Schiebetür in die schwüle Hitze hinaustreten, die schwitzende Hand immer noch fest am Rucksackgurt, hinein in den bedrohlichen, schiebenden, schreienden, chaotischen Pulk, der dich mit „Taxi“, „Please Madam“, „sh sh“, „Hotel?“, „Very cheap here“, „You need car?“ umhüllt, und du wirst Angst haben.

Du wirst Angst haben. Natürlich, was denn sonst?

Den Film, der sich jetzt in deinem Hirn abspult, kann keiner stoppen. All die Augenpaare, die dich beobachten, all die Körper, die dich belauern, einkreisen, wie Treibjäger ihre Beute. Sie müssen ja alle wissen, wie verwundbar du bist in diesem Moment.
Du hast Laptop, Kamera, relativ viel Bargeld und noch andere Wertsachen dabei. Du hast keinen Handyempfang, und wenn doch, dann keine Telefonnummer von irgendjemandem in diesem Land. Du hast keine Ahnung von den üblichen Preisen, von den Gepflogenheiten und vom Stadtplan. Du weißt nicht, wie weit es an die von dir angegebene Adresse ist, und würdest es nicht merken, wenn dein Fahrer einfach die entgegengesetzte Richtung einschlägt.

Der Film in deinem Kopf steuert unaufhaltsam auf sein Horrorfinale zu: Die Straßen werden immer enger und immer schlechter befestigt, bald wirst du keine Schilder und keine Wegmarken mehr sehen, immer weniger Leute sind auf der Straße, bis dein Fahrer irgendwann durch das Tor eines aufgelassenen Industriegeländes fährt. Leere, Stille, heiseres Vogelkrächzen, Uringeruch, hinter dir fällt ein rostiges Metalltor ins Schloss.
Dann kannst du dir nur noch aussuchen: Raubmord, Vergewaltigung, Folter oder Entführung gegen Lösegeld. Entweder ein schneller Tod oder jahrelanges, quälendes Siechtum in einem unterirdischen Verlies.

Soweit der Film. Er lief verlässlich immer.

Er lief, während ich mir einen Wagen aussuchte, während ich den Rucksack mit möglichst cooler Geste auf die Rückbank warf (nie in den Kofferraum!), während ich mich auf abgewetzte Sitze mit ausgeleierter Federung fallen ließ. Und er lief in jeder Sekunde der nun folgenden Autofahrt, in der ich von hinten auf den Kragen des Fahrers starrte, seinen Haaransatz nach Indizien absuchend, die seine heimtückischen Absichten verraten würden.
Es passierte zwar nie. Aber selbstverständlich konnte man nie mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen, dass es passiert.

Und dann: Ein genialer Schachzug

Doch eines Tages, nach vielen Jahren, riss der Film. Eine ältere Kollegin war schuld. Ich hatte sie beiläufig beobachtet: Sie hatte ihrem Taxifahrer die Hand entgegengestreckt, sich vorgestellt und ihn nach seinem Namen gefragt. Mit einem lässigen „Ok, let’s go, John“ war ihre Autotür zugefallen.
Was für ein genialer Schachzug, dachte ich mir da, sicherheitstechnisch gesehen! Der Fahrer würde vor Beginn der Fahrt schon seinen Namen verraten haben. Er würde vermuten, dass man eventuell schon einen Blick auf sein Nummernschild geworfen hat. Er wäre nicht mehr anonym, würde sich nicht mehr hundertprozentig sicher fühlen, straflos davonzukommen, das würde ihn eventuell daran hindern, einen eventuell vorhandenen kriminellen Plan durchzuziehen.

Also probierte ich es aus. „Hello, I am Sibylle, what is your name?“, wie in der ersten Englischstunde, oder mit Händen, Gesten und Wortbrocken aus dem Reiseführer, wo man mit Englisch nicht weiterkam. Ich setzte mich nicht mehr auf die Rückbank, sondern vorne, neben den Fahrer. Schaute ihn an. Und hörte, kaum dass die Autotür zugefallen war, gar nicht erst zu reden auf. Schön ist es hier. Viele Menschen. Viele Löcher in den Straßen. Viel Verkehr. Heißer als bei mir zu Hause. Wo ich herkomme, gibt es im Winter Schnee. Kommst du aus dieser Stadt oder von woanders her? Hast du eine große Familie? Ein Haus? Eine Frau? Wie heißen deine Kinder, deine Eltern, deine Nichten, deine Nachbarn, und was isst du am liebsten?

Da war es dann, das Angstüberwindungsprogramm

Nicht dass mich das alles wirklich interessiert hätte. Aber es lenkte ab. Und mit einem Mal wurde mir klar: Das ist gar kein sicherheitstechnisches Kriminalitätsabschreckungsprogramm für meinen Fahrer. Das ist ein Angstüberwindungsprogramm für mich selbst. Denn jedes konkrete Pünktchen Information ersetzte eine Leerstelle, die ich bisher mit meiner Fantasie gefüllt hatte. Mit jeder noch so banalen Sache, die ich über diesen fremden Mann erfuhr, wurde er normaler, berechenbarer, harmloser. Und damit schrumpfte die Projektionsfläche, auf der mein Angstfilm gelaufen war.

Was das für den Umgang mit dem Fremden im Allgemeinen bedeutet? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Die Technik, hat man sie sich erst mal zur Gewohnheit gemacht, hilft auch in vielen anderen Lebenslagen. Auf Partys, bei denen lauter fremde, unnahbar wirkende Leuten herumstehen. Nachts auf dem Nachhauseweg in einer stillen Straße, wenn man hinter sich Schritte hört, die einen nervös machen. Oder in Flüchtlingskrisen, wo man einer fremden Masse gegenübersteht und den einzelnen Menschen darin nicht mehr erkennen kann.

„Hallo, wer bist du?“ ist in all diesen Situationen ein guter Anfang.


Sibylle Hamann, Jahrgang 1966, begann ihre journalistische Laufbahn als Auslandsreporterin für den Kurier, arbeitete im Auslandsressort des profil und war Auslandskorrespondentin in New York. Seit 2006 ist die vielfach ausgezeichnete Journalistin freie Autorin und schreibt eine wöchentliche Kolumne für Die Presse.


Erschienen im Winter 2016
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