Text - markus huber
  

"Zu weit weg von der Bevölkerung"
Warum wollen so viele Menschen keine Flüchtlinge? Warum pfeifen sie auf die Koalition? Was hat Strache, was andere nicht haben, und was ist mit der Krone los? Das und vieles mehr erklärt Richard Schmitt, der Chefredakteur von krone.at. 
Herr Schmitt, was interessiert die Österreicher?
Sie interessieren sich für Sicherheit und sonst sehr wenig, wir merken das auch an den Postings bei uns, und wahrscheinlich hat sich die Politik sogar selbst in dieses Thema reintheatert, die Büchse der Pandora geöffnet. Monatelang haben sie den Menschen das Gefühl vermittelt, alles wird schlimmer, wir müssen die Grenzen dichtmachen und Zäune bauen. Jetzt kann das Thema keiner mehr einfangen. Egal, wie real eine Bedrohung tatsächlich ist, aber das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen leidet. Sehr, sehr viele Menschen, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben, haben Angst. Natürlich kann man als Politik dagegenhalten, es beschönigen und sagen: Es sind ja nicht alle Flüchtlinge so. Aber das ist zu spät, die Meinung da draußen hat sich gebildet.

Und was bedeutet das für krone.at? Richten Sie Ihre Berichterstattung danach aus?
Natürlich klicken die Menschen tendenziell die Geschichten, die sich um Flüchtlinge drehen. Aber wir hatten auch im Vorjahr kein Problem mit unserer Quote, wir haben an Reichweite dazugewonnen, und zwar zu einem Zeitpunkt, als wir von einer Flüchtlingswelle weit weg waren. Das Wichtigste für uns ist, dass wir die Menschen vertreten und das schreiben, was sie wirklich interessiert, und man muss ehrlicherweise sagen, wir sind da in einer Auseinandersetzung nicht mit dem Standard oder dem Kurier, die rund um die Flüchtlingsthemen für breite Teile der Öffentlichkeit ihre Glaubwürdigkeit schon verloren haben. Wir sind da in einer Auseinandersetzung mit Medien, die der rechte Rand installiert hat, mit unzensuriert.at und anderen Seiten. Wir müssen uns von denen abgrenzen, aber ihre Existenz allein sorgt dafür, dass wir sehr aufpassen müssen. Nehmen wir zum Beispiel diesen Mordfall am Brunnenmarkt, der uns vor einigen Monaten so beschäftigt hat. Natürlich kann man in der Berichterstattung die Nationalität des Täters auslassen, aber was passiert dann? Es wird rauskommen, irgendwer, der bei den Ermittlungen dabei war, wird es sagen, und wenn es ein Polizist ist, der es auf Facebook postet. Würden wir die Nationalität verschweigen, so wie andere Medien, dann würden wir für die Leute da draußen zum System gehören. Wir würden für sie zu dem gehören, was sie „Lügenpresse“ nennen, und dann würde man uns überhaupt nichts mehr glauben.

Sie richten sich, um den Kontakt zu den Leuten nicht zu verlieren, also eher nach unzensuriert.at und nicht nach der Qualitätspresse?
Nein. Wir schreiben, was passiert ist, aber wir schreiben es deutlich, mit allem, was dazugehört. Wir sind uns natürlich der Brisanz bewusst, aber nur so halten wir die Leser bei der Stange und bleiben für sie glaubwürdig. Aber es ist wirklich gefährlich, wenn man es einmal vergeigt hat, dann ist es vorbei, wenn du im Web in den Augen der Menschen unglaubwürdig bist, dann hast du verloren. In Deutschland zum Beispiel ist das sogar der Bild-Zeitung passiert. Die gilt dort für viele ebenfalls als „Lügenpresse“. Man muss sich das mal vorstellen – die Bild-Zeitung.

Und glaubwürdig bleibt man wie? 
Man muss die Dinge beim Namen nennen. Erinnern wir uns doch an vergangenen Herbst, an diese irrsinnige Willkommenseuphorie, die da geherrscht hat. Viele waren der irrigen Annahme, dass unter lauter Afghanen, Syrern und Pakistanis ausschließlich nette Menschen sind. Wie soll das gehen, es ist ja auch unter Österreichern so. Es gibt immer einen kleinen Prozentsatz an Kriminellen. An Psychopathen. An Menschen, die einfach bösartig sind, nur wir haben damals geglaubt, dass da jetzt 111.000 Menschen kommen und die alle so super sind, dass ich am liebsten gleich ein paar mit nach Hause nehme. Mittlerweile weiß man, dass einige, die da kamen, beim IS waren, andere im Namen von Assad gefoltert haben. Jetzt ist die Euphorie radikal zurückgefahren. Und dieser Schnitt ist beinhart.

"Man muss die Dinge beim Namen nennen."


Krone.at hat damals aber schon nicht wirklich mitgejubelt.

Die Öffentlichkeit war damals sehr gespalten, ich würde sagen: 50 Prozent waren für die Willkommenskultur, 50 Prozent hatten Angst. Für mich persönlich war der springende Punkt, als ich im Fernsehen Bilder eines steirischen Polizisten gesehen habe, der an der Grenze zu Slowenien stand und ein Interview über die Situation gab, und rechts und links von ihm rannten unkontrolliert die Massen vorbei. Ich fand das damals schon nicht sehr super. Ab da hat die Politik aber versagt, nicht nur in den Inhalten, sondern auch in der Öffentlichkeitsarbeit. Sie haben keine PR gemacht, nicht erklärt, was sie wollen. Sie haben damit die Menschen alleingelassen. Und jetzt haben wir einfach eine Spaltung der Gesellschaft, zwischen denen, die ein gutes Herz haben und sagen: Wir können die Leute nicht draußen lassen – und denen, die berechtigterweise Angst haben. Insgesamt können wir jedenfalls nur hoffen, dass der Sommer und die Badesaison glimpflich verläuft. Denn was passiert, wenn ein Radikalislamist, der seit acht Monaten keine Frau gehabt hat, im Kongressbad auf eine Serbin im Stringtanga trifft? Das wird lustig. Die Menschen haben da aber ein besseres Gespür als Politiker, die merken, dass sich da etwas zusammenbraut.

Woran machen Sie das fest?
Die Leuten spüren es einfach. Und sie sehen die Schmähs. Den Schmäh mit den Hotspots, die nicht funktionieren. Oder den Abschiebeschmäh. Es glaubt doch kein Mensch mehr, dass aus Österreich irgendwer abgeschoben wird. 50.000 hat die Regierung versprochen, bis inklusive Ende April hat es genau 800 gegeben, wann sollen denn die Leute abgeschoben werden? 49.000, alle Ende Dezember, zu Weihnachten? Solange die Herkules des Bundesheeres noch kein einziges Mal abgehoben hat, wirkt das alles ein bisschen lächerlich, und das wissen die Menschen auch.

Aber wenn das so stimmt, was läuft da mit der Politik falsch? Der Grundvorwurf ist doch eigentlich, dass die Politik zu wenig gestaltet und viel zu sehr den Menschen nach dem Mund redet.
Das stimmt aber nicht. Viele politische Entscheidungsträger leben in ihrer Blase. Sie haben ihre Einflüsterer, und die sind alle sehr weit weg von den normalen Menschen, von der Bevölkerung. Nehmen wir zum Beispiel nur mal Matthias Strolz von Neos. Das ist ein Superkerl, der hat frischen Wind in die Politik gebracht. Aber der hat immer noch nicht verstanden, dass die Neos mit ihrem Bildungsthema völlig weg sind. Der macht immer noch PKs zum Thema Bildung, obwohl das gerade wirklich niemanden interessiert. Und das ist bei vielen Themen so. Bei der Steuerreform, wen hat das interessiert? Wir haben das als krone.at ja auch getrommelt, aber am Ende ist das so, wie wenn man eine Gehaltserhöhung bekommt. Bevor man sie bekommt, ist es ein Riesenthema. Und wenn sie dann da ist, interessiert sie nicht mehr, weil sie selbstverständlich ist.

"Matthias Strolz macht immer noch PKs zum Thema Bildung, obwohl das gerade niemanden interessiert."


Trotzdem: Politiker müssen doch ein Gefühl für draußen haben, alleine schon deshalb, um wiedergewählt zu werden und ihre eigenen Jobs zu sichern.

Nein, das ist nur noch ein Machterhaltungstrieb, die wenigsten haben ein Gespür dafür, was geht und was nicht. Und es ist immer ein Problem mit diesen Kopfthemen, die man am grünen Tisch entwickelt. Bildung zum Beispiel. Hätte ich keine Kinder, wäre mir das vollkommen wurscht. Oder Wohnen: Das interessiert nur die Leute, die grad eine Wohnung suchen. Bei Themen, die man am Tisch entwirft, fällt man einfach auf die Nase. Das passiert uns als krone.at auch ständig.

Sie kommen an Ihre Geschichten also wie?
Man muss rausgehen und mit den Menschen reden. Ich bin dreimal die Woche abends unterwegs, auf dem Stammtisch, oder auch bei Veranstaltungen. Ich versuche zu reden, mit unterschiedlichsten Leuten. Und das ist auch in der politischen Kommunikation so. Wir als krone.at leben in einem Spannungsfeld mit der Stadt Wien, man muss das so sagen. Immer wieder ruft jemand von der Stadt an und sagt: „Jetzt habt ihr schon wieder eine FPÖ-Geschichte und nie schreibt ihr, wie toll die Stadt ist.“ Ich sage dann: „Ihr ruft auch nie an.“ Und dann sagt jemand: „Wir hatten doch eh die Schanigarteneröffnung vor zwei Wochen.“ Das ist halt nicht so eine Wahnsinnsgeschichte. Wie bei einem Topunternehmen müsste auch in der Politik eine Topkraft die Geschichten verkaufen, die Stadt glaubt aber, sie ist ein Selbstläufer. Wenn ich mir meine Wochenbilanz anschaue, dann habe ich 20 Anrufe von der FPÖ, ein paar von den Grünen und dem einen oder anderen ÖVP-Minister und von einem aus der SPÖ. Aber von der restlichen SPÖ hat genau niemand angerufen. Von der SPÖ Wien auch niemand. Von den Grünen niemand. Natürlich spiegelt sich das auch in meiner Berichterstattung wider, klar. Du kannst zweimal eine FPÖ-Geschichte ablehnen, vielleicht ein drittes Mal. Aber beim vierten Mal geht der Informant dann zum Kurier, und du ärgerst dich. Bei der SPÖ hat man immer das Gefühl, sie sind beleidigt, deswegen rufen sie aus Prinzip schon nicht an.

"Wenn ich die Wochenbilanz anschaue, dann habe ich 20 Anrufe von der FPÖ, ein paar vonden Grünen und dem einen oder anderen ÖVP-Minister und von einem aus der SPÖ."

Vielleicht rufen sie aber auch gleich direkt bei heute an?
Es ist halt immer bei politischen Geschichten die Frage, wie politisch relevant das Medium ist, über das man es spielt. Aber insgesamt ist die Regierung einfach wegen ihrer fehlenden Kommunikationsarbeit bei der Bevölkerung unten durch, sie haben keine Geschichten mehr. Und sie haben vor allem auch die digitale Entwicklung verschlafen, die enorme Bedeutung von Social Media. Heinz-Christian Strache ist der Einzige, der das verstanden hat. 360.000 Fans auf Facebook, das ist was.

Ist das also schon eine eigene Medienmacht?
Zum Teil sicherlich. Denn mittlerweile sind ja nicht nur die 30-Jährigen auf Facebook. Auch die 70-Jährigen schauen drauf, wenn ihnen in der Pension fad ist, und das ändert auch das Mediennutzungsverhalten. Keiner schaut mehr von sich aus auf krone.at, Kurier oder Standard, sondern sie wählen über Facebook und das, was dort geteilt wird, aus. Keiner ist mehr Stammkunde eines Mediums, und das hat die arrivierte Politik verschlafen. Nicht falsch verstehen, es ist nicht schlecht, wenn man am Sonntag in der Krone ist oder in Österreich sein Bild drin hat. Aber genauso wichtig ist, dass ich am Mittwoch oder Donnerstag auf Facebook einen Aufreger habe. Wenn Strache einen normalen Bericht von uns auf Facebook teilt, dann merken wir, das haut die Quote auf das 1,5-Fache hoch. Und umgekehrt kriegt er natürlich auch mehr Traffic, wenn wir ihn pushen. So ein Doppelspiel ist natürlich für die anderen Parteien gefährlich. Und auch da nicht falsch verstehen: Das könnten ÖVP und SPÖ natürlich auch machen. Sie machen es aber nicht.

Welche Geschichten funktionieren auf Facebook? Klassischer Boulevard?
Nein, Verkehrsunfälle und so etwas kannst du vergessen, das interessiert niemanden und auch mit einer tiefgreifenden Analyse der Wiener SPÖ kommst du dort nicht voran. Es sind Aufregergeschichten, aber auch Skurrilitäten. Oder freche Kommentare. Ich hatte mal etwas über Angela Merkel und die Willkommenskultur. Das hatte nur auf Facebook bereits 1,1 Millionen Leser – eine Dimension, die du sonst nie erreichst. Es ist wie am Stammtisch, ein digitaler Stammtisch, man will im Netz diskutieren. Und du brauchst deswegen Kommentare, musst provozieren, Gegnerschaft aufbringen. Das ist eben das größte Versäumnis von SPÖ und ÖVP – dass sie genau das der FPÖ überlassen haben. So haben sie einfach den Kontakt verloren. 
 

Erschienen im Sommer 2016
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