Text - markus huber
foto – stefan olah 

 

Was war die falscheste Entscheidung Ihres Lebens?
Als Alfred Gusenbauer Kanzler wurde, galt er als die Hoffnung der Intellektuellen. Heute berät er Kasachstan.
Die falscheste Entscheidung meines Lebens?

Alfred Gusenbauer denkt lange nach. Sehr lange. Zehn Sekunden, 15 Sekunden. Später, beim Abtippen des Interviews, wird an dieser Stelle jemand panisch werden, weil Alfred Gusenbauer, der redselige ehemalige Kanzler, auch nach 20 Sekunden nicht zu hören ist. Ist das Band kaputt? War Gusenbauer zu weit vom Mikro weg? 30 Sekunden. Eine halbe Minute ist eine sehr lange Zeit, vor allem, wenn man an einem Kaffeehaustisch sitzt und auf eine Antwort wartet. In dieser Zeit hat man schon einen Espresso getrunken oder hat eine halbe Zigarette geraucht, manche haben in dieser Zeit sogar schon gepinkelt. 35 Sekunden. 40 Sekunden. Das ist länger als ein Durchgang eines Damenslaloms. Deutlich länger, als du bisher zum Lesen dieses Textes gebraucht hast. Und dann antwortet er.

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Die falscheste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe? Ja, vielleicht war das seinerzeit, als ich geglaubt habe, dass es eine gute Idee ist, wenn wir die Möglichkeit eröffnen, durch eine Erweiterung der Basis für das Stipendienwesen, durch die Erhöhung der Stipendien und durch diesen freiwilligen Unterstützungsdienst von Studenten für sozial schwächere Schülerinnen und Schüler, was ja de facto heißt, dass jeder, der will, sich die Studiengebühr ersparen kann, wenn wir also dadurch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gesellschaft stärken. Ich habe das für eine gute Entscheidung gehalten und wir hätten obendrein die Anzahl derjenigen verbreitert, die aus Gründen sozialer Betroffenheit heraus keine Studiengebühren zahlen sollten. Aber dieses Konzept ist nicht aufgegangen, weil das irgendwie von Sekunde eins an in der Luft zerrissen wurde.

Wenn es eine Champions League der Entscheidungen gibt, dann ist das wohl die Politik. Nirgendwo finden Entscheidungen auf so großer Bühne statt, nirgendwo haben die Entscheidungen so direkten Einfluss auf so viele Menschen. Wer hier entscheidet, der entscheidet für uns alle. Umgekehrt bekommen die politischen Entscheider auch permanent Feedback – alle paar Wochen erfahren sie über Umfragen, wie ihre Entscheidungen bei der potenziellen Kundschaft ankommen, und spätestens alle fünf Jahre entscheiden wir in Wahlen dann, ob wir diese Entscheider weiter haben wollen.
Aber wie gehen die Politiker damit um? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, gibt es vielleicht keinen besseren Gesprächspartner als Alfred Gusenbauer. Gusenbauer, 55, Aufsichtsrat der Strabag, Aufsichtsrat bei Signa, Aufsichtsrat der Cudos Capital, Aufsichtsrat der RHI, Berater des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, war von Jänner 2007 bis Dezember 2008 österreichischer Bundeskanzler. Es gibt nicht wenige, die meinen, der Sozialdemokrat wäre der Intellektuellste unter Österreichs Kanzlern gewesen – fest steht aber auch, dass er der Kanzler mit der kürzesten Amtszeit der Zweiten Republik war. Ganz offenbar müssen da wohl ein paar Dinge schiefgelaufen sein.

Es wird wohl jede Menge Menschen geben, die bei der Kombination „Alfred Gusenbauer“ und „falsche Entscheidungen“ an ein paar andere Dinge denken. An die Fotos von Ihnen mit Jörg Haider beim gemeinsamen Spargelessen zum Beispiel.
Das sind dann aber Menschen, die eine ganz besonders falsche Art von Erinnerungsverklärung an den Tag legen. Dieses Treffen mit Jörg Haider war zum Beispiel eine hervorragende Idee. Wir haben dadurch aus der Opposition heraus gezeigt, dass wir mit allen Parteien, wenn es um Sachfragen geht, reden können – warum soll das nur die ÖVP können?

Oder die Fotos, die Sie im Nationalratswahlkampf 2006 in hautengen und bei allem Respekt nicht gerade vorteilhaften weißen Radlerhosen zeigten.
Diese Bilder waren das Gegenteil einer falschen Entscheidung. Sie waren einer der größten Erfolge, was die Mobilisierung der österreichischen Öffentlichkeit betrifft. Den ganzen Sommer über bin ich damals schwitzend wie ein Tier durch Österreich gewandert, bergauf, bergab, und alle Menschen fanden das super. Sie dachten sich: Mensch, der schwitzt genauso wie wir und klettert genauso wie wir herum. Sie haben das als Zeichen der Nähe empfunden, sich gedacht, das ist einer wie wir. Die Einzigen, die das anders sahen, waren die Journalisten, die im Umkreis von einem Quadratkilometer in Wien im Kaffeehaus saßen und sich den ganzen Tag die gleichen Schmähs erzählten, aber keine Ahnung von den Leuten draußen hatten. Diese Journalisten hatten sich dann aber auch kräftig in ihrer Einschätzung der Wahl 2006 geirrt. Sie dachten: Die Depperten gehen in Österreich spazieren, und am Ende gewinnt Wolfgang Schüssel die Wahl. Hat er aber nicht. Sondern wir.

Oder der Brief, den Sie damals mit Werner Faymann an Hans Dichand geschrieben haben und in dem Sie die EU-Politik der SPÖ radikal geändert haben.
Dieser Brief war ein Vorschlag von Werner Faymann, der damals bereits geschäftsführender Parteivorsitzender war. Er dachte, dass man in einem medial feindlichen Umfeld ein paar Baustellen beenden sollte. Vor allem im Umgang mit der Krone. Ich hatte damit kein Problem.

Wahrscheinlich gibt es noch jede Menge anderer Entscheidungen der kurzen Ära von Alfred Gusenbauer, die manche als zumindest fragwürdig einschätzen würden, Wikipedia listet als Kritikpunkte an ihm zum Beispiel seine Vorliebe für teure Rotweine auf oder die etwas ruppig-genervte Art, mit der er auf innerparteiliche Kritik reagierte.
Nun sitzt Gusenbauer aber in Obervellach im Drautal. Hierhin, mitten in die Kärntner Berglandschaft und ganz in die Nähe des Österreich-Sitzes der Strabag AG in Spittal an der Drau, zieht sich Gusenbauer einmal im Jahr zu einer sogenannten Schrothkur zurück. Wir treffen ihn am fünften Tag seiner Kur, an diesem Tag darf er mittags zwei eingelegte Zwetschken und einen Haferschleim essen. Es ist ein sogenannter „Kleiner Trinktag“, das bedeutet, dass der Kanzler a. D. abends drei kleine Gläser Wein zu sich nehmen darf.

Gab es in Ihrer Karriere mal falsche Entscheidungen, die sich später als richtig herausgestellt haben?
Nein, denn dann würde sich ja die Frage stellen, ob es überhaupt eine falsche Entscheidung war. Was richtig ist und was falsch, das erkennt man ja immer erst im historischen Maßstab, bekanntlich ist die Weltgeschichte das einzige Weltgericht. Aber natürlich trifft man manchmal Entscheidungen, die für einen selbst in einer gewissen Situation nicht wirklich nützlich sind.

Welche war das in Ihrer Karriere?
Der Europabrief vielleicht. Der hat mir nichts genützt, aber grundsätzlich und von heute aus betrachtet war es wohl richtig.

Und anders herum? Welche Ihrer Entscheidungen hat die österreichische Weltgeschichte später als falsch beurteilt?
Das betrifft die Koalitionsverhandlungen 2006. Die SPÖ lag damals bei den Wahlen einen Prozentpunkt vor der ÖVP, wir begannen Koalitionsgespräche, die ÖVP ist aber gleich am Anfang vom Verhandlungstisch aufgestanden. Ich wollte damals deswegen andere Optionen und vielleicht sogar eine SPÖ-Minderheitsregierung probieren. Klar wäre das schwierig gewesen, aber man hätte durchaus im Parlament wechselnde Mehrheiten finden und entweder ein paar Monate später, wenn sich die Lage beruhigt hat, trotzdem eine stabile Regierung bilden oder Neuwahlen ausrufen können. Der Bundespräsident war aber damals der Meinung, man müsse auf die ÖVP zugehen und sie an den Verhandlungstisch zurückholen. In dieser Situation war das wohl richtig. Im Nachhinein wäre aber wohl die Minderheitsregierung besser gewesen – es hätte zumindest schon seinerzeit mehr Optionen eröffnet.

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Wie sehr kann man als Politiker überhaupt frei entscheiden?
Meiner Erfahrung nach sind in der Funktion als Kanzler die Entscheidungsspielräume außerordentlich begrenzt. Es gibt die Fachminister, die haben ihre Kompetenzen, im Ministerrat wiederum gibt es ebenfalls keine Mehrheitsentscheidungen, es herrscht de facto Einstimmigkeitsprinzip. Wenn man da etwas verändern will, dann ist man in einer blöden Position. Die größte Entscheidungsfreiheit hast du auf europäischer Ebene. Im Europäischen Rat hat man als Regierungschef nicht permanent einen Koalitionspartner neben sich. Dort entscheidet und gestaltet man völlig frei.

Bei welcher europäischen Entscheidung war das bei Ihnen der Fall?
Der Lissabonner Vertrag zum Beispiel, das war eine sehr komplexe Angelegenheit und eine Serie von sehr langwierigen Verhandlungen, die immer kurz vor dem Kippen waren. Da konnte ich mich zum Beispiel, wie ich finde, zum Wohle Europas einbringen. Oder aber auch bei Details der Geschichte, in der Finanzkrise zum Beispiel. Ich erinnere mich gut an ein Krisentreffen der Eurogruppe am 13. Juli 2008, bei dem es um ein Abkommen der EZB mit der FED (Federal Reserve Bank, die US-Notenbank, Anm.) ging, um die Liquidität in Dollar aufrechtzuerhalten. Ich habe damals EZB-Präsident Jean-Claude Trichet davon überzeugt, dass es auch um die Liquidität in Schweizer Franken geht. Das waren Verhandlungen, bei denen es um das Eingemachte ging, da konnte man nicht viel vorbereiten, weil überall Chaos war. Da war man als Kanzler gefordert und musste nicht nur seinen eigenen Case gut vorbereiten, sondern auch glaubwürdig argumentieren.

Alfred Gusenbauer wirkt sehr entspannt. Hier sitzt jemand, der in seinem politischen Leben keine Fehler gemacht hat und deswegen mit sich im Reinen ist. Und wahrscheinlich stimmt das – auch in der Politik ist immer alles eine Frage des Blickwinkels. Am Nebentisch sitzt übrigens Ex-Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner. Der ehemalige Nationalratsabgeordnete des Liberalen Forums, der mittlerweile der wohl potenteste Finanzier von Neos ist und obendrein für die Bürgerlich-Liberalen im ORF-Stiftungsrat sitzt, ist seit vielen Jahren ein Freund Gusenbauers. Auch die Kur in Obervellach machen sie gemeinsam.

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Trotzdem: Ist man als Spitzenpolitiker nicht manchmal ein Getriebener, jemand, der angesichts der Komplexität der Materie nur noch reagieren und nicht mehr agieren kann?

Ich habe mich nie als Getriebener gesehen, im Gegenteil. Gerade im zweiten Halbjahr 2008, zu Beginn der Finanzkrise: Da hatte ich die größte Freiheit. Alle anderen im Land waren im Wahlkampf, ich aber nicht, das war nicht mehr mein Thema, deswegen konnte ich mich von Mitte Juli bis zu meinem Abgang Anfang Dezember ausschließlich dieser Frage widmen. Und ich muss sagen: Die Maßnahmen, die wir gesetzt haben, haben zum Besten gehört, was man machen konnte – auf österreichischer wie auf europäischer Ebene.

Gerade nach 2009, vor allem auch in Sachen Hypo haben aber auch tatsächlich viele Politiker gesagt, dass man eigentlich nicht mehr agieren, sondern nur noch reagieren kann.
Bei mir war das anders, und wenn Josef Pröll seine Zeit als Hypoverstaatlichungsminister anders einschätzt, dann bleibt ihm das unbenommen. Aber Tatsache ist, dass wir in der Zeit der größten Not, also 2008, in Österreich und Europa agiert und nicht reagiert haben. Wir haben Maßnahmen gesetzt, die wir für richtig gehalten haben, um eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern. Ganz offenbar waren wir damit so erfolgreich, dass sich die Situation stabilisiert hat. Das Hauptproblem ist aber, dass 2009 sich viele sehr blauäugig an den Früchten unserer Stabilisierungsarbeit erfreut haben und dachten: Super, die Party beginnt von neuem. Und dann hat uns die Lawine 2010 mit vollem Karacho erfasst und vieles war nicht mehr zu reparieren. Wenn man 2009 nicht nur Party gemacht hätte, dann hätte man auch 2010 noch gestalten können.

Ein Politiker kann also immer etwas tun und wer etwas anderes behauptet, der lügt?
Ein Politiker kann immer etwas tun.

10 Kilo, schätzt Gusenbauer, wird er durch die Schrothkur abnehmen. Entgiften. Entschlacken. Das ist nicht ganz unanstrengend, vor allem, weil nach den Anwendungen des Vormittags und dem eher bescheidenen Mittagstisch am Nachmittag trotzdem Bewegung gemacht werden muss. Als wir ihn besuchen, hat Gusenbauer eine Wanderung auf den sogenannten Galgenbergl am Programm. Er sagt, dass wir dort keine Fotos machen sollten, weil sonst gefragt würde, wer dort gehängt wird.

Wie sehr ist man als Politiker in dem Dilemma, dass man sich zwischen Pragmatismus und eigenen Prinzipien entscheiden muss?
Das ist eigentlich kein Dilemma, weil es hier keine Entscheidungsmöglichkeit gibt. Als Politiker musst du immer pragmatisch sein, es nützt ja nichts. Letztendlich muss man Entscheidungen treffen und diese umsetzen.

Und diese Einstellung hätte der SJ-Chef Alfred Gusenbauer an einem Bundeskanzler Alfred Gusenbauer also schlecht gefunden?
Aber nein. Ein SJ-Chef Gusenbauer hätte über den Kanzler Gusenbauer gesagt: Endlich ist da einer, der denkt.

So gesehen hätte der SJ-Chef Gusenbauer wohl auch den Kasachstan-Berater Gusenbauer toll gefunden.
Natürlich! Ich war ja auch als SJ-Vorsitzender schon der Meinung, dass man mit diesen Ländern nur verkehren kann, indem man mit ihnen kooperiert. Ich war immer ein Anhänger der Entspannungspolitik und nicht des Kalten Krieges. Und letzten Endes war es diese Entspannungspolitik, die 1989 dazu geführt hat, dass der Kalte Krieg zu Ende geht.

Kann es nicht auch sein, dass man mit dem Alter seine Positionen leicht ändert: Dass man schneller oder langsamer, mehr aus dem Bauch oder doch mehr aus dem Kopf entscheidet?
Ich weiß nicht, ob das eine Funktion des Alters ist oder eine Funktion des Amtes. Ich kann natürlich als SJ-Obmann im Wesentlichen alles vertreten, was mich freut, weil es sowieso nicht entscheidungsrelevant ist.

Hat man es als intelligenter Politiker eigentlich schwerer als andere?
Das kann ich nicht beurteilen, aber man sagt gemeinhin, dass viel Denken Kopfweh macht und deswegen die, die nicht so viel denken, ein leichteres Leben haben. Ich kann das aber nicht bestätigen, denn ich kenne nur die eine Seite.

Als wir zurückkommen, wird auf der Terrasse übrigens bereits das Abendessen vorbereitet – das heißt, es werden die Gläser serviert. Gusenbauer hat seinen eigenen Wein mitgenommen. Das lohnt vor allem beim sogenannten „Großen Trinktag“. Da dürfen die Kurgäste zu den Zwetschken und dem trockenen Brot einen dreiviertel Liter Wein trinken.

Erschienen im Herbst 2015
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