Text - markus huber
foto – max kropitz 

 

Mehr als ein Spiel
Jeder kann Minigolf, jeder hat es schon mal gespielt, um Minigolf zu spielen, muss man gar nichts können. Vielleicht ist das der Grund, warum unser Autor so auf das Spiel steht und beharrlich behauptet, es wäre ein Sport.
Hinstellen, die Beine hüftbreit, durchschwingen. Es ist eigentlich gar nicht schwer, du musst dich nur ein bisschen konzentrieren und dann locker sein. Es hilft, dir den Weg des Balles vorzustellen, dir die Kurve zu denken, bevor du den Ball rausjagst. Ein Probeschwung noch, und dann los. Bloß nicht einfach draufhauen! Der Schläger soll durch den Ball gehen, sanft, geschmeidig, du sollst ihn nur streicheln, ihm auf die Schulter klopfen, als ob du einen guten Freund auf dem Weg zur Bar begleiten würdest. Dann – aber nur dann – rollt er elegant die Rampe rauf und fliegt in rundem Bogen ins Netz.

Oder nicht. Es kann nämlich auch sein, dass der Arschball torkelt, wie ein Besoffener die Rampe raufschlingert und dann einfach runterfällt.
Oder irgendwohin fliegt, nur nicht ins Netz. Oder perfekt in Richtung Netz fliegt und dann ganz selbstbewusst auf den Metallring knallt, plopp! Und schon hörst du deine Kumpels lachen, laut, wie die Hyänen, und garantiert wiederholen sie den ganzen angeberischen Quatsch, den du vorher gesagt hast, aber sie vergessen natürlich nicht auf die Pausen zwischen den Sätzen – damit die Lacher auch ausreichend Raum haben.
Ist das nicht schön?

Minigolf, dieser unglaublich demokratischer Sport

Denn so geht Minigolf. Jeder kann es, jeder hat es schon mal gespielt, du musst rein gar nichts dafür können. Für Minigolf, diesen unglaublich demokratischen Sport, brauchst du keine Ausbildung, keine Lizenz, und die einzige Form der Platzreife besteht darin, halbwegs unfallfrei 250 Meter weit gehen zu können – so lange ist eine 18-Loch-Runde nämlich.

Dennoch kannst du beim Minigolf spätestens ab der dritten Runde deine eigene Taktik haben, dem Sport deine persönliche Note verleihen. Ob die gut ist oder schlecht, ist nebensächlich. Denn auch wenn du nicht triffst, weil du vielleicht gar nicht gut bist in Minigolf, kannst du das ja immer noch mit Attitüde wegmachen.
Das Schöne am Minigolf ist nämlich: Du brauchst nicht viel dafür. Ein Schläger und ein Ball reichen völlig aus. Und mal ehrlich: Wer bitte will beim Minigolf üben? Wie übt man Minigolf? Und wie bitte ist jemand drauf, der tatsächlich Minigolf übt?
Minigolf kann jeder.
Minigolf ist so etwas wie der Blog unter den Sportarten. Der Streetfood-Stand unter den Freizeitaktivitäten. Der Cupcakes-Laden unter den zweiten Standbeinen.

essay markus570x370 

Auch und schon allein deswegen, weil es ein sehr direkter Sport ist. Anders als beim echten Golf muss sich beim Minigolf niemand lange annähern, der Sport ist auf das Wesentliche reduziert: Der Ball geht beim ersten Schlag hinein. Oder bleibt draußen. Es ist Plus oder Minus, Schwarz oder Weiß, 0 oder 1. Im Prinzip kann jeder Schlag zu jeder Zeit ins Loch gehen. Das Erfolgserlebnis hängt einem Minigolfer also jederzeit vor der Nase, er ist immer nur eine Punch-Line vom Triumph entfernt.

Minigolfer sind so etwas wie Twitteristi mit einem Schläger in der Hand. Rudi Fussi und Michael Fleischhacker müs- sen also Mega-Minigolfer sein. Wobei, vielleicht auch nicht. Vielleicht können die beiden das gar nicht so gut, denn manchmal geht beim Minigolf alles über die Bande und nicht einfach nur geradeaus und mit vollem Karacho gegen die Wand. Man haut nicht einfach drauf und betet, sondern denkt nach, bevor man schlägt.

„Einfallswinkel ist gleich Ausfallswinkel“, heißt es dann, und schlaue Minigolfer suchen sich vor dem langen, unsicheren Direktschlag aufs Loch lieber einen Punkt an der Bande, der möglichst nahe am Ausgangspunkt liegt. Warum? Weil sie den sicher treffen, ohne Abweichung, in zehn von zehn Fällen, und selbst wenn der Ball dann einen etwas längeren Weg zurücklegen muss, weil er dreimal an die Bande ploppt – am Ende fällt er sicher ins Loch und geht nicht knapp daneben oder kracht gegen ein Hindernis, weil sich jemand doch verschätzt hat.

Großes Minigolf ist also nicht nur ein Fall für Grobmotoriker, sondern vor allem auch für Leute, die um die Ecke denken, vorausplanen können. Und passt das nicht auch gut zu unserer Zeit? Denn wo ist das Leben heute noch direkt? Wo linear? Okay, auf Tinder möglicherweise, und das ist kurzfristig sicher eine tolle Sache und ein geiles Gefühl, so wie ein 30-Meter-Putt, der ohne Zittern ins Loch fällt. Aber wie oft passiert das? Und ist es wirklich lebensabendfüllend?

Minigolf – das klingt nach Softeis, nach Lignano, nach Sinalco und Kärnten

Nein, wir müssen gar nicht unbedingt die alte Platte mit den Brüchen im Lebenslauf auspacken und extra ausführen, dass wir alle Generationen mit extrem verschwommenen Biografien sind. Wir müssen uns nicht mehr groß erklären, dass nichts in unserem Leben mehr linear ist, noch nicht einmal mehr bei Lehrern, die mittlerweile, wenn sie jung sind, auch an mehreren Schulen unterrichten müssen oder noch einen Nebenjob brauchen, damit sie sich ihre Wohnung leisten können. Jeder von uns kennt das, jeder von uns hat schon mal Umwege zurückgelegt, und sei es nur deshalb, weil dem Navi die Batterien ausgegangen sind.

Und auch sonst ist alles sehr kompliziert in dieser Welt. Griechenland. Der Umgang mit der FPÖ. Der wahre Grund, warum Werner Faymann immer noch SPÖ-Chef ist. Alles ist immer ums Eck gedacht, genauso wie Game of Thrones. Und Minigolf.

Aber gleichzeitig ist Minigolf natürlich auch unglaublich retro. Minigolf: Allein schon, wie das klingt. Nach Urlaub, nach Softeis, nach Lignano, nach Sinalco und ein bisschen auch nach Kärnten. Es war nicht alles lässig, damals, als wir noch in kurzen Hosen und mit unseren Eltern unterwegs waren, aber andererseits: Es war damals alles noch einfach. Übersichtlich. Es war nicht nur schlecht, im Gegenteil.

Also: Warum spielen wir dann nicht öfter Minigolf? Denn niemand spielt heute mehr Minigolf, wenn heute noch jemand Minigolf spielt, dann ist er entweder unter zehn. Oder über sechzig. Und also eigentlich definitiv nicht mehr von heute. Menschen von heute gehen, wenn sie sich im Sommer in der Gruppe langweilen wollen, entweder slacklinen oder bouldern. Oder sie spielen Boccia und nennen es Boule, und wenn sie Deutsche sind, sagen sie sogar Pétanque dazu.

Wenn sie ganz arge Deutsche sind, dann spielen sie Kubb, dieses Spiel, das verdammt nach einer IKEA-Erfindung aussieht, weil man sich dabei dauernd Holzklötzchen umwirft und das vielleicht auch deswegen Schwedenschach genannt wird. Das alles ist herrlich kreativ, nicht so wettkampforientiert, sondern pure Freude. Und darum geht es den Menschen von heute. Minigolf hingegen würden sie nie spielen. Und das ist ein Fehler.

Erschienen im Sommer 2015
Share