interview - Martina bachler
foto - max kropitz

 

             "Es gibt nicht so viele Quatschköpfe in Kärnten"

Der Regisseur von "Bad Luck" und "Universalove" übers Filmemachen, die Kameratauglichkeit von Kärnten und Italien und das Verhältnis zu seiner Heimat.

Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal Minigolf spielte, vielleicht als 12-Jähriger? In Minimundus? Es ist unfassbar lange her.

Ach, man verlernt es eher nicht.
Ich weiß gar nicht, ob ich das jemals konnte. In jedem Fall aber zählte Minigolf zum Sommer, genauso wie das Schwimmen in der Sattnitz, die ich als Kind zu Fuß erreichen konnte. Ich ging gar nicht an den Wörthersee.

Was zählt noch zum Sommer für dich?
Als Kind war das sicher das Kanaltal gleich nach der italienisch-österreichischen Grenze. Die Fahrt durch die vielen Tunnels, die Autobahnraststätten, der ganze Weg, bis man am Meer war.

Du hast in Rom studiert, warum nicht in Wien?
Ich wollte nach der Matura weg. Ich ging ins musische Gymnasium in Viktring, mir erschien Film damals als die umfassendste Kunstform und ich wollte im Ausland studieren, habe mir auch Berlin angeschaut. Dann wurde es Rom, und ich studierte Filmschnitt, machte daneben aber schon meine eigenen Sachen. Wir werden jetzt wieder nach Rom ziehen. Unsere Tochter kommt in die Schule, und Rom ist in den vergangenen Jahren auch wieder leistbarer geworden. Die nächsten beiden Projekte sollen in Italien spielen. Ich finde es ja anachronistisch, heute zu sagen, Filme müssen immer an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Geografie spielen.

Dein aktueller Film „Bad Luck“ spielt in Kärnten. Inwiefern ist es anders, in Italien Filme zu machen?
Vielleicht ist Italien kinematografischer als Kärnten. Als ich für „Bad Luck“ mit dem Kameramann Szenerien in Kärnten suchte, sagte er oft: „Das hier ist nicht Cinemascope.“ Kärnten ist kleinteiliger, enger und es gibt keine landschaftlichen Extreme. Es gibt Länder, in denen jeder Blick ein Bild ist, das ist hier nicht so.

Bildschirmfoto 2015-08-04 um 11.28.50

Wie lange hast du an „Bad Luck“ gearbeitet?
Insgesamt fünf Jahre lang.

Fünf Jahre, in denen man nie zweifeln darf?
Ja, fünf Jahre sind lange, und manchmal ist man dann, wenn man dreht, auch schon irgendwie weiter, an etwas anderem dran, als zum Zeitpunkt, als man die ursprüngliche Idee hatte. In der Zwischenzeit macht man ja auch immer andere Projekte.

Gibt es für dich eigentlich einen Ort, der Kärnten ist?
Dort, wo ich aufgewachsen bin. Dazu hat man eine Beziehung, natürlich auch zur Sprache, das ist ein wichtiges Element. Bei „Bad Luck“ auch: Das Unbeholfene, das ein bisschen Sprachlose war für mich wichtig. Es gibt nicht so richtige Quatschköpfe in Kärnten.

Oh, ich kenn da schon ein paar.
Ich hatte lange ein ambivalentes Verhältnis zu Kärnten. Es war immer so ein bisschen das Schlusslicht, auch kulturell. Und jetzt gibt es wieder plötzlich kein Geld mehr. Dass man aber Slowenien und Italien gleich in der Nähe hat, hat etwas sehr Befruchtendes.

Woran liegt es, dass Kärntner andere gerne fragen, was sie über Kärnten denken?
An einem gewissen Minderwertigkeitskomplex, der sich über die Jahrhunderte zieht und auch ein Grund dafür ist, warum Haider hier so erfolgreich war. Weil er ihn korrigiert hat? Ich glaube schon, ja. Das hat damit zu tun, dass man hier immer ein bisschen zwischen den Fronten war, zwischen der slawischen und der bajuwarischen Kultur, und sich nirgends so richtig zugehörig fühlte. Dass man sich minderwertig fühlte und das nie so richtig aufgearbeitet hat, galt schon vor der Zeit Jörg Haiders.

Hat sich das geändert?
Ein bisschen, aber leider nicht viel. Bei Haider wurde dann ja auch immer beschworen: „Wir in Kärnten und die in Wien“ – eines der wichtigen Elemente seiner populistischen Politik. Und so etwas funktioniert sehr gut, wenn du ein Volk hast, das nicht so selbstbewusst ist. Es mangelt immer an Selbstbewusstsein, das ist in Rom oder auch in Neapel ganz anders, wo man sogar stolz aufs Chaos ist.

Warst du je in der Situation, in der du Kärnten verteidigen musstest?
Verteidigt habe ich es eigentlich nie, gerade im Ausland musste man sich aber öfter rechtfertigen, vor allem für Jörg Haider. Jetzt stellt sich die Verbrecherbande von damals als solche heraus, aber ich sehe nicht, dass es eine neue Zukunft gibt oder eine wirklich neue Entwicklung. Die anderen Parteien hatten ja oft mitgestimmt. Sich jetzt nur auf Haider auszureden und alles zu kürzen, ist auch nicht richtig.

Bist du ein politischer Mensch?
Schon, obwohl ich mich nie direkt engagiert habe, dafür bin ich wahrscheinlich zu anarchistisch. Aus meinen Filmen halte ich das aber bewusst raus, auch bei „Bad Luck“. Ich wollte Kärnten als seine Menschen und seine Landschaft sehen. Wir haben auch im Casting lange gesucht, weil ich gerne das Slowenische vorkommen lassen wollte, als ein natürliches Element, aber das ist sich dann leider nicht ausgegangen.

Spielt für dich auch eine Rolle, eine gewisse Zeit abzubilden, wie wir es im Journalismus machen?
Eigentlich nicht. Was ich bisher gemacht habe, ist eher zeitlos. Es ist so, wie ich es atmosphärisch spüre, aber eine zeitlose Interpretation der Wirklichkeit. Geschichten kommen einfach, und es ist mir ein Anliegen, sie dann dorthin zu legen, wo sie am besten funktionieren. Ich habe ein bisschen ein Problem mit dem Reduzieren auf so etwas wie einen „Österreichischen Film“. Ich bin auch nicht so aufgewachsen, sondern mit internationalen Filmen.

Gibt es denn Gemeinsamkeiten im österreichischen Film?
In einer gewissen Weise, ja. Es gibt für Film hierzulande relativ wenig Geld, aber dafür gibt es eine ziemliche Freiheit. Das ist ein großer Vorteil. Es gibt hier Filme, die in Italien und auch in Deutschland nicht entstehen könnten. Dort, wo es mehr Geld gibt, reden Redakteure und alle anderen Beteiligten mehr mit. Bei uns hat der Mangel Filme hervorgebracht, die nicht ganz konform waren, die teilweise sehr radikal waren.

Wie wirkt sich die Kleinheit des Landes aus?
Ein Grund, „Bad Luck“ mit Laien zu drehen, war bei dieser Geschichte, dass viele Schauspielergesichter in Österreich schon sehr besetzt sind. Ich bin glücklich, dass ich das gemacht habe, aber es ist weit schwieriger, das zu vermarkten.

Schaust du eigentlich Serien?
Ja, es ist ein tolles Format. Eineinhalb Stunden sind ja oft zu kurz, um wirklich etwas mit großem Atem zu erzählen, das ist bei Serien anders. Diesen großen Bogen zu spannen, würde mich reizen. Allerdings habe ich noch nie eine Serie fertig geschaut, nicht einmal die „Sopranos“. Die erste für mich wichtige Serie war die deutsche Familiengeschichte „Die Heimat“. Als ich in Rom studierte, wurde dort jede Woche eine neue Folge im Kino gezeigt. Man nannte das damals eine Telenovela für Intellektuelle, und es war recht lustig, weil man dann Woche für Woche die gleichen Leute im Kino traf.

Erschienen im Sommer 2015

 

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