Text - Markus Huber, Benjamin Koffu
Fotomontage – Pia scharler 

Mittendrin statt nur dabei
Im folgenden Interview werden Sie erfahren, wie viel Dioptrien Armin Wolf wirklich hat und warum er scheinbar alles weiß. Sie werden erfahren, dass er einmal in Kuba war und wo seine "Shades of Grey"-Ausgabe steht. Wenn Sie das Interview bis ganz zum Schluss lesen, dann wird er Ihnen auch verraten haben, wie man das volle Netflix-Angebot ohne schlechtes Gewissen nützt und was er so macht, wenn er vom Küniglberg nach Hause fährt. Und vielleicht werden Sie dann auch eine Antwort auf eine Frage haben, die Armin Wolf selbst noch nie gestellt hat: Was ist eigentlich von Armin Wolf zu halten? 

Dreimal die Woche erklärst du den Menschen die Welt. Wie fühlt sich das an?
Nicht besonders. Außer dass ich einen der wenigen Berufe habe, in denen man als Mann geschminkt wird. (Kurzer Disclaimer: Wir kennen Armin Wolf schon länger, deshalb erschien es uns zu aufgesetzt, für das Interview pseudoaggressiv von „du“ auf „Sie“ zu wechseln, und fast noch schlimmer wäre es, die Anrede im Interview nachträglich zu ändern.)

Aber es muss doch einen gewissen Reiz haben, für viele Menschen der zu sein, der etwas weiß, was sie nicht wissen.
Das stimmt schon, das hat einen Reiz. Wie viele Journalisten wollte ich ja ursprünglich Lehrer werden. Ich wollte immer schon Wissen vermitteln und hab mir auch eingebildet, ich hätte ein gewisses Talent, nicht nur Dinge zu lernen, sondern sie auch halbwegs interessant weiterzuerzählen.

Was macht das mit dir, der zu sein, von dem die Leute erwarten, dass er Ordnung und Klarheit in komplizierten Fragen schafft?
Ich hoffe, nichts. Was soll das mit mir machen? Du könntest zum Beispiel abheben. Warum sollte ich abheben? Ich habe nicht das Gefühl, dass das so viel mit mir macht. Und da ich im Gegensatz zu Fernsehmoderatoren in Amerika nicht mehrere Millionen Dollar im Jahr verdiene, fehlen mir auch die Mittel abzuheben.

Apropos, schon mal ein Angebot von Dietrich Mateschitz bekommen?
Nein, und ich wäre dort auch nicht der Richtige. Ich moderiere grundsätzlich nicht in Lederhose oder Trachtenjanker.

Schaust du Servus TV?
Ich wüsste ehrlich nicht, was. Ich interessiere mich nicht für Naturdokumentationen. Nicht falsch verstehen: Es ist schön, dass es das gibt, aber das wird mir meine Wahlentscheidung beim nächsten Mal nicht erleichtern.

Wenn man Macht und Einfluss heute über meinungsbildende öffentliche Auftritte definiert, dann kommt man in Österreich an Armin Wolf nicht vorbei. Armin Wolf ist der Mann mit den Nachrichten, und zwar längst nicht nur wegen der ZiB 2 und der Interviews, die er dort mit manchmal schon schmerzender Schärfe führt – er hat in Österreich die Nachrichten in die sozialen Netzwerke gebracht. Egal ob auf Facebook oder Twitter: Wolf ist überall hochgradig präsent und daueraktiv. Er ist eine Marke, mitunter schon größer als sein Arbeitgeber selbst. Was im Übrigen nicht alle gut finden.

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Wer bereitet dich eigentlich auf deine Interviews vor?
Ich.

Immer?
Ja. Nur bei Sportlern hilft mir Twitter. Vor Sportlerinterviews fürchte ich mich, weil ich mich einfach nicht auskenne. Ich mache seit fast 30 Jahren Politikjournalismus, habe Wirtschaft studiert und interessiere mich privat für Kultur. Bei diesen Themen mache ich hoffentlich wenige Fehler, und wenn, würden es wohl 85 Prozent der Zuschauer nicht mitbekommen. Bei Sport ist es genau umgekehrt. Das interessiert mich nicht, da kann mir jeder Fehler passieren und 85 Prozent der Zuschauer würden es merken. Grässlich.

Das heißt, wenn zum Beispiel so wie im April Marcel Hirscher ins ZIB-2-Studio kommt, dann redest du deswegen mit ihm über Politik.
Nein, ich frage ihn, wen er wählt, weil er in der ZIB 2 zu Gast ist und nicht in einer Sportsendung.

Bemerkst du es, wenn ein Interview-Gast Angst vor dir hat? Bei Hirscher zum Beispiel?
Na ja, der fährt die Streif runter, wenn er will. Der hat keine Angst vor mir. Aber natürlich ist er in der ZIB 2 wahrscheinlich angespannter als in „Sport am Sonntag“.

Armin Wolf ist eine öffentliche Person, und das liegt nicht nur daran, dass er uns seit knapp 14 Jahren in unseren Wohnzimmern besucht – denn er hat uns auf Twitter schon einiges erzählt. Über sich persönlich. Wir wissen, dass er verheiratet ist (mit der Chefredakteurin einer Frauenzeitschrift, die beiden necken sich übrigens gerne, Anm.), in seinem Haushalt wohnt ein Jugendlicher, Wolf liest gern, er geht am Samstagabend hin und wieder ins Kino (OV-Filme), er wohnt im 1. Wiener Gemeindebezirk und er geht selten vor ein Uhr morgens ins Bett. Seine Tage beginnen in der Regel um neun Uhr, dann geht er ins Kaffeehaus und liest Zeitungen. Er fährt einen Smart, hat ein Haus im Waldviertel, in dem kürzlich der Gärtner vorbeigeschaut hat. Seine Oma hatte einen Krämerladen, er hat dort immer Schaumrollen gegessen. Seine Urlaube verbringt er am liebsten in der Toskana. All das und, wenn man wirklich will, noch viel mehr, weiß man, obwohl Armin Wolf nie und nimmer einer Homestory zustimmen würde. Braucht er auch nicht.

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Ich habe ungefähr 45.000 Tweets geschrieben. Du könntest aus denen wahrscheinlich ein zehnmal besseres Por­trät über mich schreiben als nach einem fünfstündigen Gespräch, weil auf meinem Twitter-Account Dinge stehen, die ich niemals alle in einem Interview erzählen würde. In einem Gespräch habe ich mich – hoffentlich – besser im Griff als bei dem, was ich über Jahre hinweg so alles twittere.

Gibt es Situationen, wo es dir echt schwerfällt, dich aus einer Diskussion rauszuhalten?
Ja. Ich bin nicht wirklich konfliktscheu und muss mich manchmal bewusst zurückhalten.

Es gibt also auf deinem Handy Entwürfe, bei denen du dann doch nicht „Senden“ gedrückt hast?
Momentan etwa zehn, bei denen ich mich noch eingebremst habe. Was ich auf Twitter schreibe, ist zu 97, 98 Prozent überlegt. Aber manchmal wäre es besser, ich würde zehn Minuten warten, bevor ich auf „Senden“ drücke.

Armin Wolf kann also unüberlegt sein? Impulsiv werden? Vielleicht hilft es diesem Interview ja, wenn wir mal versuchen, ihn mit ein paar kurzen Fragen zu ködern.

Wann hast du eigentlich am Klo das erste Mal die Zeitung am Handy statt auf Papier gelesen?
Wahrscheinlich nachdem ich mir das erste iPhone gekauft habe.

Schon mal deinen Wikipedia-Eintrag bearbeitet?
Ja, hat aber nichts genützt.

Schon mal Produktrezensionen auf Amazon geschrieben?
Nein.

Postest du im Netz?
Ich habe ein Konto im Standard-Forum unter meinem Namen, da habe ich vielleicht fünfmal was gepostet. Das habe ich angelegt, als unter einer Geschichte über mich sinngemäß stand: Kein Wunder, dass der ein Arschloch ist; wer einen Q7 fährt, muss ja ein Arschloch sein. Und da habe ich dann drunter geschrieben: Mag sein, weiß ich nicht, ich hab einen Mini.

Bist du Hypochonder?
Nein – zu wenig Interesse an Medizin.

Gehst du ins Fitnesscenter oder läufst du draußen?
Ich gehe ins Fitnesscenter, weil es gegenüber meiner Wohnung eines gibt. Und ich finde laufen total öd. Wenn ich im Fitnesscenter am Rad sitze, muss ich lesen oder am iPad eine Serie anschauen.

Reißt du Zeitungsartikel aus, wenn dort Bücher besprochen werden, die du lesen willst? Nein, ich gehe zu Amazon und kaufe sie. Ist mir peinlich, aber es ist einfach so bequem.

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Wie viele Seiten muss man lesen, bevor man ein Buch weglegen kann?
30. Wenn ich bis dahin nicht reingekommen bin, wird’s nichts mehr. Das ist mir gerade mit „Der Distelfink“ passiert. Oder auch bei den „Korrekturen“ von Franzen.

Hast du den „Mann ohne Eigenschaften“ gelesen?
Ja, auf Kuba. Super, aber schon ziemlich lang. Beim zweiten Band mit 1300 Seiten habe ich echt geschluckt. Aber zum Glück waren da nur mehr 300 Seiten Text. Der Rest sind ja nur mehr Anmerkungen.

Wie viele Bücher liest du fertig, wie viele legst du weg?
Das ist schwer zu sagen. Bei Romanen lese ich wahrscheinlich 90 Prozent fertig. Die lese ich ja aufgrund von Rezensionen oder weil sie mir empfohlen wurden oder weil ich die Schriftsteller gut finde. Es gibt aber kaum Sachbücher, die ich ganz lese, weil die meisten derart redundant sind. Die könnte man alle problemlos auf 30 Seiten kürzen.

Wo liegt deine „Shades of Grey“-Ausgabe?
Ich hab keine. Das interessiert mich Nüsse. Bevor ich das lese, schaue ich Farbe beim Trocknen zu.

Menschen, die die GIS-Gebühr nicht zahlen, sind...
Studenten. Oder noch minderjährig. Ansonsten Schwarzseher, und das finde ich nicht okay.

Wenn du vom Küniglberg nach Hause fährst, hörst du Radio oder CD?
Weder noch. Ich telefoniere mit meiner Frau.

Immer?
Wir sehen uns an meinen Moderationstagen wenig. Das heißt, ich steige ins Auto, rufe meine Frau an und rede mit ihr über die Sendung und über den Tag.

Bis du daheim bist?
Ja, genau.

Welche personalisierte Werbung hast du auf deinem Facebook-Account?
Derzeit Turnschuhe, weil ich welche online gesucht habe, und WC-Schüsseln, weil wir unsere Gästetoilette renoviert haben und ich danach gegoogelt habe. Jetzt gehen sie nicht mehr weg.

Serien oder Filme?
Filme, im Kino. Serien am iPad, und erst in letzter Zeit. Ich habe ganz wenig ferngesehen und bin erst durch „Mad Men“ auf Serien gekommen.

Wo schaust du das?
„Mad Men“ schaue ich auf einem amerikanischen iTunes-Account.

Darf man das?
Das glaube ich schon. Ich bezahle es ja ganz normal. Du brauchst eine amerikanische Adresse und einen iTunes-Gutschein. Meine Adresse ist unser Washington-Büro, und die Gutscheine kaufe ich.

Verdammt, wir hatten so auf die investigative Schlagzeile „Armin Wolf streamt illegal Serien“ gehofft.
Tue ich nicht. Ich finde, man soll bezahlen. Ich wollte jetzt die neue Staffel von „House of Cards“ anschauen. Die gibt es aber in Österreich nicht auf Netflix. Jetzt hat mir jemand gezeigt, wie man das über hola.org sehen kann. Das finde ich okay, weil ich ein Netflix-Abo habe und die nicht beklaue, sondern jeden Monat brav dafür bezahle. Dann will ich aber auch „House of Cards“ sehen.

Nein, Armin Wolf ist nicht unüberlegt. Zumindest nicht in einem Print-Interview. Er antwortet auf alle Fragen höflich, freundlich und immer überlegt. Er hat alles unter Kontrolle.

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Harald Juhnke hat auf die Frage, was für ihn Glück bedeutet, mal gesagt: „Keine Termine und leicht einen sitzen.“
Die Sache mit den Terminen kann ich nachvollziehen. Für den Rest fehlt mir die Erfahrung, aber wegen Harald Juhnke fang ich jetzt auch nicht mehr zu saufen an.

So große Angst davor, mal die Kon­trolle zu verlieren?
Ich weiß schon gerne, was ich rede, aber es hat weniger mit Disziplin zu tun oder damit, dass ich immer alles unter Kontrolle behalten muss. Ich rauche nicht, weil ich es ekelhaft finde, und ich trinke nicht, weil mir der allermeiste Alkohol nicht schmeckt. Mit Bier zum Beispiel kannst du mich foltern. Außerdem habe ich viele Jahre lang sehr nah gesehen, was übermäßiger Alkoholkonsum für Folgen haben kann, und ich arbeite in einer Branche, in der das auch nicht ganz selten ist.

Kennst du Rauschzustände?
Nein, mir fehlt auch jede Erfahrung mit Drogen. Spießig, aber es ist so.

Man kann sich auch mit Sport in trance­artige Zustände treiben.
Ich nicht, ich treibe praktisch keinen Sport. Insofern steht’s bei mir mit Rauschzuständen wirklich schlecht.

Fehlt einem da was, wenn man das nicht kennt?
Das ist schon möglich. Ich war mal mit zwei Freunden in Amsterdam und wollte dort das erste Mal in meinem Leben high werden. Mit Cookies, weil, wie gesagt: Ich rauche nicht. Dann haben die beiden Jungs aber schon mit Joints angefangen, bevor wir wo Cookies bekommen haben, und waren davon so high, dass sie wegen jeder Straßenbahn, die um die Ecke kam, niedergebrochen sind vor Lachen. Ich bekam dann das Gefühl, dass mir da nur wenig entgeht.

Du kommst aus Innsbruck. Du interessierst dich nicht für Sport, trinkst nicht, hast dich niemals weggesprengt. Das muss eigentlich eine ziemlich harte Jugend gewesen sein.
Und schon hast du eine Erklärung, war­um ich mit 21 nach Wien übersiedelt bin. Das Schwierigste war tatsächlich, mit 16 keinen Alkohol zu trinken. Aber ich nehme an, dass das in Wien oder sonst wo nicht anders ist. Aber mit 16 in der Handelsakademie unter Burschen kein Bier zu trinken, war wirklich nicht einfach.

Wie geht man da als Teenager in einer Gruppe damit um?
Man geht mit und trinkt Cola oder Apfel­saft.

Aber man geht trotzdem mit?
Ich habe mich ja grundsätzlich eher für andere Sachen interessiert. Ich habe 15 Dioptrien und war auch mit 16 schon extrem kurzsichtig und sportlich ziemlich unbegabt. Ich habe schon damals lieber gelesen. Insofern war ich bei der ganz coolen Ausgeh-Partie eh nicht dabei.

Hast du eigentlich noch Freunde aus der Zeit von damals?
Ich bin wie gesagt mit 21 aus Innsbruck weggezogen – mein Freundeskreis besteht heute logischerweise vor allem aus Menschen, die ich danach beruflich kennengelernt habe. Und das sind nun mal mehrheitlich Medienmenschen. Aber wir haben demnächst 30-jähriges Matura­treffen und es kommt praktisch meine ganze Klasse nach Wien. Auf das freue ich mich sehr, auch wenn ich mich beim Heurigen genauso wenig besaufen werde wie während unserer Schul-Wienwoche 1984. Einer muss ja noch wissen, wie das Hotel heißt.

Und? Schlauer geworden? Wissen Sie jetzt mehr über Armin Wolf? Hat das Interview Ihnen vielleicht sogar geholfen, eine Wahlentscheidung zu treffen? Wir hatten ja eigentlich noch wesentlich mehr gefragt. Aber was Armin Wolf in Interviews zu sagen hat, hat er auch schon anderen verraten. Da geht es immer um seine Themen: um Journalismus und Medien, um das große Ganze und wie er es sieht. Am besten, Sie folgen Armin Wolf auf Twitter, da gibt er täglich viele Antworten – auch auf Fragen, die keiner stellt.


Erschienen im Frühjahr 2015

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