Text - Markus Huber
Fotos - Mark Glassner

Werden wir wie unsere Väter? Aber wir doch nicht!
Nichts gegen Väter. Im Gegenteil. Väter sind super. Väter sind toll. Man kann sich viele Jahre an ihnen abarbeiten. Und sie dann zum Vorbild nehmen. Oder auch nicht. Man kann sich über sie definieren. Oder auch nicht. Eines ist aber fix: Man wird nie so wie sie. Echt nicht.


  • Gernot Schlager, 43, Hausbibliothek 1982 / Skero, 40
  • Gerhard Amanshauser, 47, Autoren-Foto 1975 / Martin Amanshauser, 45
  • Hans Schabus, 42, Villach 1984 / Hans Schabus, 44
  • Hubert Mauracher, 39, Karwendelgebirge 1987 / Hubert Mauracher, 40
  • William K. Megill, 40, Leavenworth 1980 / John Megill, 43
 
Mein Vater, der alte Sack

Am Tag, an dem ich zu Hause auszog, war mein Vater ein alter Mann und ich ließ ihn das spüren. Ich hatte mich über die Jahre ziemlich an ihm abgearbeitet, verbal wie nonverbal, und rund um meinen Auszug dann ein paar Achtungserfolge erzielt: Ich hatte Geld verdient, ohne dafür ewig lange Jus studieren zu müssen; den Führerschein hatte ich bekommen, obwohl es mir scheißegal war, wie ein Motor funktioniert; und als wir dann mit dem Mountainbike Korsika durchquerten, kam mein Vater jeden Tag ewig nach mir am Campingplatz an, obwohl ich das Zelt am Rücken hatte und er nur die Schlafsäcke.
Aber jetzt war ich raus, ich war in Wien, studierte das, was ich wollte, und auch gegen das grauenhafte Gewerkschafter-Studentenheim hatte ich mich erfolgreich gewehrt – indem ich einfach so lange bei Verwandten am Sofa schlief, bis die Verwandten auf meine Eltern Druck machten, mir eine eigene Bruchbude zu bezahlen.

Es war herrlich. Was für ein Sieg!

Als ich zu Hause auszog, war mir vieles egal, eines wusste ich aber mit Sicherheit: Ich wollte nicht so werden wie mein Vater. Was das genau zu bedeuten hatte, war mir schon wieder weniger bewusst, weil, bei Lichte betrachtet, hatte er eigentlich nicht so viel falsch gemacht. Aber trotzdem: Es musste einfach anders sein, weil Leben anders gehen musste. Schließlich war mein Vater damals eben nicht nur der Erwachsene.

Er war: Alt. Unermesslich alt.

Und ich eben nicht. Also bitte. Lass mich anders sein.
Habe ich das jemals hinterfragt? Also das Altsein meines Vaters? Nein.
Ich habe einfach vorausgesetzt, dass mein Vater Lebenserfahrung hat. Schließlich war er ja eine Generation älter, hatte also etwas gesehen, etwas erlebt, hatte einen Job, Geld, Familie, also stellten sich keine weiteren Fragen. Und irgendwann hatte dieses Altsein meines Vaters ja auch Vorteile. Irgendwann eignete es sich nicht mehr nur als Reibebaum, irgendwann war diese Lebenserfahrung ja auch nützlich. Mein Vater wurde für mich zum Auskunftsbüro, mehr oder weniger für alle Lebensfragen. Schließlich war er erwachsen, ich noch lange nicht, also bitte, Papa:

Gehen diese Autoreifen noch?
Wo mietet man am besten ein Haus in Südfrankreich?
Muss ich diese Verkehrsstrafe wirklich bezahlen oder ist das ein Fall für die Rechtsschutzversicherung?

Praktisch eigentlich, so ein alter Typ in der Verwandtschaft.

Wobei natürlich schon auch immer klar war, dass man selbst, wenn man dann mal alt ist, komplett anders sein würde. Kinder würde man anders erziehen, im Leben würde man andere Prioritäten setzen, man würde insgesamt einfach anders, weniger erwachsen sein, wenn man dann mal alt ist. Geht ja auch gar nicht anders.


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Meinhard Huber, 40 / Markus Huber, noch 39


Was habe ich bitte schon gesehen? Also klar habe ich schon einiges erlebt, aber ich würde mir nie anmaßen zu glauben, dass ich irgendetwas weiß. Irgendetwas beurteilen kann. Ich bin doch keine Respektsperson, schau mich an, und wenn mir meine Mutter jetzt noch einmal sagt, dass ich meine Tochter genauso zwänglerisch zu einem ehrgeizigen Menschen erziehen möchte wie man Vater damals mich, dann rede ich nie wieder ein Wort mit ihr.
Außerdem habe ich noch Haare am Kopf.

Und ich bin noch nicht alt.

Echt nicht?

An dem Tag, an dem ich zu Hause auszog, war mein Vater 41.




Erschienen im Frühling 2014

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