Headerbild Fleisch27 Resnik

text - Stefan Wagner
Fotos - Max Kropitz

 

             Auf dem Rosinenweg

Sepp Resnik ist seit kurzem 60. Nun möchte der Mann mit dem buntesten Leumund in Österreichs Sport beweisen, dass Weltklasse ganz anders geht, als alle glauben. Er lässt Tennis-Jungstar Dominic Thiem, seit kurzem 20, im Wasserfall duschen, Baumstämme durch den Wald tragen und um Mitternacht Sit-ups machen, bis er schreit.
Aber ... Brücke?

Dominic Thiem hat seinen neuen Konditionstrainer Sepp Resnik an einem Märznachmittag besser kennengelernt, am Ufer des Wiener Neustädter Kanals, der zu Recht so heißt, wie er heißt.

Thiem (ziemlich außer Atem, weil laufend): Schau, Sepp, da drüben, am anderen Ufer, da scheint noch die Sonne auf die Wiese. Dort wär ein guter Platz zum Trainieren. 

Resnik (ebenfalls laufend, aber nicht so außer Atem): Gute Idee. Mach ma das. 

Thiem: Aber …

Resnik: Aber was? 

Thiem: Aber … Brücke? 

Resnik: Wer braucht eine Brücke? Das Bacherl ist net breiter als fünf Meter und sicher net tiefer als zwei. Da dersaufst mir scho net. 

Resnik blieb also stehen, Dampfatemwolken vor dem Mund, entkleidete sich bis auf die Unterhose, stieg ins Wasser wie ins Thermalbad und deutete Thiem, es ihm gleichzutun.

„Auf was wartest?“

Das Gleichtun dauerte ein bisschen, denn erstens war Thiem ein wenig nach Zögern zumute und zweitens hatte er ziemlich viel an, nämlich inklusive Anorak und Pudelmütze. Dann stelzte Thiem doch, freundlich ermutigt von Resnik („Wos is jetzt?“), mit spitzen Zehen ins Wasser und schwamm schnappatmig und zappelnd durch das märzfrische Wasser, um danach auf der anderen Seite des Wiener Neustädter Kanals eine Stunde lang allerlei Übungen zu absolvieren, mit denen man sich üblicherweise für Wettkämpfe im militärischen Fünfkampf in Form bringt. 

Die Märzsonne trocknete das, was Thiem am Leib trug, nur zurückhaltend. Nach dem Training schwammen die bei­den wieder zurück, schlüpften in ihre Kleider, und Resnik sagte fröhlich: 

„Schau, jetzt simma geduscht auch schon.“
Ferrarimaus

Man könnte die Zusammenarbeit von Dominic Thiem und Sepp Resnik ohne Mühe als Adipinteriade abtun.
Da ist auf der einen Seite Resnik, unter anderem früherer Turner, Fußballer­, Judo­kämpfer, Leichtathlet und militärischer Fünfkämpfer: 1984 erster Österreicher beim Ironman-Triathlon in Hawaii. Machte sich danach durch mehrere Mehrfachtriathlons einen Namen, 1988 in Grenoble zum Beispiel 13 Kilometer Schwimmen, 540 Kilometer Radfahren, 126,6 Kilometer Laufen, sorgte 1994 mit einer Weltumradelung für Aufsehen. Mit zwei Jahrzehnten im Management des Wiener Gogo-Etablissements „Beverly Hills“, einer Ehe­ mit einer Dame, die sich „Ferrarimaus­“ nennt (und nach der Scheidung von Resnik eine Frau heiratete), Projekten wie einem Weltrekord im Dauerskifahren oder der Teilnahme an einer Partnerschafts-Show des TV-Senders Puls4 grätschte er von den Sport- in die Chronik- und Gesellschaftsseiten. 

Die zunehmende Zurückhaltung der Sportredaktionen in der Würdigung der Leistungen Resniks gründet in einem gewissen Zweifel an der Belastbarkeit seiner Angaben. Als im Sportmagazin eine große Reportage über Resniks Ultratriathlon erschien, mahnte ein Leserbrief zu etwas kritischerer Recherche und rechnete vor, dass Resnik bei der beschriebenen Durchquerung der Meeresenge von Gibraltar durchgehend 100-Meter-Weltrekord gekrault sein musste. („Alle Angaben haben gestimmt. Man darf die Meeresströmung nicht vergessen“, sagt Resnik selbst heute noch, zwei Jahrzehnte später.) Auch die 300 Tageskilometer seiner In-80-Tagen-um-die-Welt-Radtour trauten dem passionierten Pfeifenraucher nicht alle zu: 300 Kilometer sind die doppelte Distanz einer durchschnittlichen Tour-de-France-Etappe, und Resnik bekam es mit nicht abgesperrten öffentlichen Straßen in Staaten wie Pakistan oder dem Irak zu tun. („300? 350 waren’s!“, sagt Resnik.) 

Auf der anderen Seite Thiem: Einer der weltbesten Tennisprofis seines Alters, neben David Alaba der einzige junge Österreicher auf dem Radar einer Weltsportart, die man auch außerhalb Österreichs als Weltsportart sieht. Als Thiem 17 war, wurde Ivan Lendl auf ihn aufmerksam, rief noch vom Tennisplatz bei adidas an und empfahl, den Buben mit einem langjährigen globalen Vertrag zu binden.

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An Talentproben des Niederösterreichers herrschte auch in der Folge kein Mangel, aber er schien ein wenig zu schmächtig fürs Profi-Herrentennis, nämlich insgesamt. Er kränkelte leicht, war unerklärlich oft unerklärlich müde, und auf dem Platz nahm man ihm den Wettkämpfer nicht ab: Es sah immer so aus, als würde er sich für seine krachenden Punktschläge beim Gegner am liebsten entschuldigen. Wenn sich Dominic Thiem nach einem besonders umkämpften Punkt dann doch zum Ballen der Faust überwand, wie man das seit Thomas Muster in Österreich von einem Tennisspieler erwartet, hielt er den Daumen so, dass der unweigerlich brechen würde, müsste er tatsächlich zuschlagen.

Unsere Kabine ist der Kofferraum

Günter Bresnik, 52, ist seit acht Jahren Thiems Trainer und sagt „Belastungsverträglichkeit“, wenn man ihn nach der wichtigsten Eigenschaft eines erfolgreichen Tennisprofis fragt. Bresnik hatte jahrelang nach einem passenden Konditionstrainer für seinen Schützling gesucht. Sogar mit Roger Federers Betreuer Pierre Paganini oder Bernd Pansold im Red-Bull-Trainingszentrum gab es Kontakt, aber irgendwie wurde aus nix was.

Dann traf Bresnik im Herbst 2012 auf Resnik. Die beiden kannten einander von früher, kamen ins Plaudern, Bresnik lud Resnik zu einem Besuch ins Trainingszentrum in der Südstadt ein, zwischen Admira-Stadion und SCS-Parkplatz im Süden Wiens. Resnik kam, schaute sich den Buben zehn Minuten an und sagte: „Günter, ich hab alles gesehen. Der Bub kann von der Hüfte aufwärts alles und von der Hüfte abwärts nix.“

Ungefähr zu Weihnachten des Vorjahres begann man probeweise miteinander zu arbeiten, für Resniks Verhältnisse im Standgas, nämlich mit 15-Kilometer-Läufen im Park der Militärakademie in Wiener Neustadt.

„Wir sind um Mitternacht gerannt, da hamma unsere Ruhe. Beim ersten Mal hat der Dominic gefragt, wo die Umkleidekabinen sind, hab ich gesagt: Unser Kabine ist der Kofferraum. Dann hat er gesagt, es ist ja dunkel. Hab ich gesagt, was soll’s sonst um Mitternacht sein? Wenn ich rechts sag, rennst einfach rechts. Wenn ich links sag, rennst links. Ich bin in dem Park 60.000 Kilometer g’rennt, da kenn ich mich aus.“

Beim ersten gemeinsamen Training zählte Resnik 16 Gehpausen auf 15 Kilometern:

„Da ist dem Buben der Puls durchgegangen.“

Zwei Wochen später waren es drei Gehpausen.

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Stalingrad undsoweiter

Sepp Resnik ist einer dieser Menschen, mit denen man nicht per Sie sein kann. Und er ist ein tatsächlich kurzweiliger Erzähler mit ausgesprochenen Stärken im assoziativen Bereich. 
Wenn zum Beispiel das Gespräch aufs Schlafen kommt, weil man nachfragt, ob Dominic Thiem nach 15 mitternächtlichen Kilometern am nächsten Tag ausgeschlafen genug sei, um auf dem Tennisplatz gute Figur zu machen, sagt er: 

„Ich hab jahrzehntelang in der Nacht allein trainiert, jeden Abend bin ich von Wien mit dem Rad auf den Wechsel­ gefahren, und um halb acht in der Früh war ich da und hab gesagt: Guten Morgen, Kompanie.“

Und wann hast du geschlafen?

„Na gar net.“ 

Aber ohne Schlaf kann ja der Mensch nicht leben …?

„Ich hab jahrelang nicht geschlafen. Und schau ich schlecht aus? Na eben. Ich vergeude die Nacht nicht mehr mit Schlafen.“ 

Sepp, sei mir nicht bös, das glaub ich nicht. Ganz ohne Schlaf, das geht nicht. 

„Sagt wer?“ 

Sagt die Wissenschaft.

„Jetzt pass auf, was ich dir sag. Vor 30 Jahren hat mein Coach, der Schackl Hans, zu mir gesagt: Stell das Schlafen ein, wir trainieren ab jetzt von sieben am Abend bis fünf in der Früh, jeden Tag, und Samstag, Sonntag sind Rennen. Ich hab gesagt, ich versteh’s nicht, da hat er mir einfach Kriegsliteratur gegeben, Stalingrad und so weiter, Alpinismus, Kriege, Solschenizyn, Archipel Gulag. Das hab ich gelesen, und ab da hab ich gewusst, mein ganzes Leben ist in Wahrheit ein Urlaub.“ 

Aber die Bedürfnisse des menschlichen Körpers …

„Die Bedürfnisse interessieren mich nicht. Wurscht. Du würdest staunen, wozu du in der Lage bist, wenn’s eng wird. In Stalingrad haben Leute die Sinnlosigkeit ihres Tuns erkannt und haben gesagt, sie gehen jetzt nach Hause. Dann sind sie zu Fuß nach Hause gegangen. Das sind für mich Orientierungspunkte. Verstehst?“ 

Hm. 

„Weißt du, ich komm aus einer Branche, in der die Festlegung auf den Begriff Grenzen nicht existiert.“ 

Sätze wie dieser betonen Sepp Resniks markante Kinnpartie sehr. In der Disziplin Kinnpartie ist Sepp Resnik überhaupt Weltchampion, abgeschlagen auf den Plätzen Averell Dalton und Michael Schumacher.

Für die aerobe Kapazität
Unmittelbar nach dem Turnier in Kitzbühel Ende Juli – Thiem schlug dort Jürgen Melzer und erreichte sein erstes Viertelfinale bei einem ATP-Turnier der großen Tour – stand eine Woche Konditionstraining auf dem Programm. Im Spitzensport nennt man solche Auszeiten vom Trainings- und Wettkampfalltag „Konditionsblock“, dabei wird das kleine Einmaleins des Athleten aufgefrischt, Kraft, Schnelligkeit, Koordination, Ausdauer. Konditionsblöcke verbarrikadieren sich üblicherweise in verspiegelten Aerobic-Turnsälen, Brustgurt, Pulsmessgerät, Laktattestpflaster am Ohrläppchen, Ergometer, diverse bunte Trainingsutensilien, HipHop aus dem Soundsystem und ein Laptop, damit alle Daten gleich vor Ort analysiert werden können.

Resnik mag keine Turnsäle. Er mag es auch nicht, wenn es im Training allzu technisch zugeht: „Was Sportwissenschaftler sagen, ist nur die Basis, nicht der Zweck.“ Er hält nichts von Trainingsplänen. Er misst Dominic Thiems Puls mit dem Finger an der Halsschlagader.

„Gleich am Anfang hab ich zum Dominic gesagt: Wir gehen nie in ein Fitnesscenter. Wir heben keine Hanteln, wir heben Baumstämme. Unser Fitnesscenter ist die Natur, dort gibt’s das beste Wasser und den besten Sauerstoff. Wir holen uns von dort die Kraft, wo es die meiste gibt.“

Resnik hatte für den Konditionsblock eine Jagdhütte in der Nähe von Gutenstein im südlichen Niederösterreich organisiert. „Einem Freund von mir gehört dort das halbe Tal“, sagte Resnik, „da haben wir genug Platz.“

Und dann gingen sie einmal in den Wald.

„Ein, zwei Stunden bergauf auf einem Waldweg zuerst, nur gehen, nicht laufen. Dann liegt da rechts ein Baumstamm, 25 Kilo. Dominic, sag ich, nimm den auf die Schultern. Dann geh ma weiter, und ich erklär ihm, wofür das ist: für den Schultergürtel, für den Oberkörper, für die aerobe Kapazität. Und alle fünf Minuten wechseln wir, dann nehm ich den Stamm. Und dann gehen wir noch zwei Stunden.“

Es gibt keine Übung, die Resnik nicht mit Thiem mitmacht.

„Das hat einen Sinn. Nicht für mich. Sondern für ihn. Weil wenn er sagt, es tut ihm alles weh, dann schaut er mich an. Und sieht einen Sechzigjährigen, der alles genauso macht wie er und dabei noch pfeift.“

„An einem der nächsten Tage hab ich Dominic vor Mitternacht aufgeweckt, hab ihn in die Stube geholt und hab gesagt: Jetzt mach ma Sit-ups. 45 Minuten. Und damit es nicht zu leicht wird, hebt jeder einen Sessel vor die Brust. Dann sind wir da gelegen, nebeneinander am Boden in der Stube von der Jagdhütte, 45 Minuten Sit-ups. Im Dunkeln, weil Licht hab ich keines gemacht, damit er sich auf die Übung konzentriert. Irgendwann hat er dann angefangen zu schreien, weil es so wehgetan hat, und hat gesagt: Ich kann nimmer, ich kann nimmer! Darauf ich: Ich will das nicht hören, nie wieder, weil was ein Sechzigjähriger kann, das muss ein Zwanzigjähriger dreimal können.“

Am Morgen duschten sie unter einem Wasserfall.

Zweifel streicheln mich

Sepp Resniks Erzählungen erheben sich in farbenfrohen Arabesken über die herkömmliche Gesprächsform. Wenn es zum Beispiel gilt, das Generalthema­ Außergewöhnlichkeit abzuarbeiten, klingt das so:

„Außergewöhnliche Ziele erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Das hab ich immer gewusst. Wenn du den Weg gehst, den alle gehen, wirst du immer nur zu dem Ziel kommen, das alle erreichen. Also ist es die größte Ehre für mich wenn einer sagt, der Resnik ist ein Wahnsinniger, ein Verrückter. Weil das bedeutet dass ich etwas mache, was er nicht nachvollziehen kann. Für mich sind Zweifel eine Bestätigung. Zweifel streicheln mich.“

„Früher war mir wichtig, was die Leute von mir denken. Mittlerweile ist mir das scheißegal. Ich bin unantastbar, weil mir jeder wurscht ist. Wenn ich beim Tennismatch reinschreien will auf den Platz, dann schrei ich. Sollen die Leute denken, was sie denken wollen. Im Finale von Este (einem Future-Turnier in Italien, das Thiem Ende August gewann, Anm.) hab ich bei 1:0 im ersten Satz fürn Dominic reingeschrien: Attackier! Attackier ihn jetzt! Break! Da hat er komisch rausgeschaut, die Leute haben mich angeschaut, ich hab geschrien: Attackier! Und er hat ihn gleich gebreakt.“

„Geld? Spielt keine Rolle. Ich hab, was ich brauch. Ich hab auch mein 500er-Coupé und meinen Jaguar, in Dunkelblau mit beigem Leder, wie ich ihn immer haben wollte. Ich bin kein Trottel, das ist schon klar. Das erste Jahr, hab ich gesagt, mach ich gratis für den Dominic. Ich zahl mir sogar den Sprit, wenn ich wo hinfahr, und mein Essen. Dafür bin ich frei in dem, was ich mach und wie ich’s mach. Ich kann sagen: Einmal eine Minute unpünktlich, und ich bin weg. Für immer. Über Geld reden wir dann, wenn der Dominic einmal am Schotter ist. Und der Bub kommt am Schotter, da kannst Gift drauf nehmen. Hast du einmal zugehört, wenn der spielt? Der ist der Einzige, der Einzige von allen, bei dem du einen Klescher hörst, wenn er draufhaut.“

„Wie ich zurückgekommen bin jetzt von der Turnierreise mit dem Dominic, ruft mich die Polizei an und sagt, bei Ihnen ist eingebrochen worden. Die ganze Wohnung verwüstet. Geh ich hin, schau mir das an, fragt mich der Polizist, ob ich einen Psychologen brauch, weil sie haben da eine professionelle Betreuung für Leute, bei denen eingebrochen worden ist. Sag ich: Horchen Sie zu. Das nächste Mal brauchen Sie einen Psychologen. Weil ich lass jetzt einmal die Wohnung wieder herrichten, und dann bau ich Sprengfallen. So wie sie mir vom Staat gelehrt wurden beim Heer. Und wenn das nächste Mal einer kommt und an der Tür herumspielt, dann liegt da ein Kadaver, wenn Sie kommen.“

Solschenizyn muss noch warten

Zu Weihnachten stand Thiem in der Weltrang­liste über Platz 300. Acht Monate später – von denen er zwei wegen einer Darmoperation im Frühjahr verlor – hatte er sein Ranking halbiert. Kein jüngerer Spieler ist derzeit vor ihm ATP gereiht. Nach dem Viertelfinale in Kitzbühel gewann er auf niedrigerer Ebene in Italien das Future-Turnier in Este und erreichte in Como sein erstes Challenger-Finale. Die Teilnahme bei den US Open in New York verpasste er nur knapp, sein Grand-Slam-Debüt bei den Profis wird er im Jänner bei den Australian Open in Melbourne geben.

Wenn man mit Dominic Thiem über Resnik spricht, mit seinem Vater Wolfgang oder auch mit Günter Bresnik, räumen alle anfängliche Bedenken ein, aber sie alle loben Resniks Kreativität, Einsatz und Enthusiasmus. „Er ist ein positiver Irrer“, sagt Bresnik, „und da passt er ja ganz gut in unser Team.“

Resniks Zugang zum Tennis ist nicht verstellt von Detailwissen, aber das ist vielleicht sogar das Erfrischende dran. „Tennis ist ein Ghetto“, sagt er. „Als Tennistrottel wird der Dominic nie ein erfolgreicher Tennisspieler werden. Im Spitzensport wird ganz oben überall die gleiche Sprache gesprochen. Und es gibt Rosinen, die man von einer Sportart in die andere übertragen kann. Wenn man das beherrscht, die Rosinen zu erkennen und zu übertragen, sind relativ schnell Leistungssprünge möglich. Man muss nur die Erfahrungen, die Leute in anderen Disziplinen gemacht haben, akzeptieren.“

Resnik hat Thiem ein Buch über Zen-Buddhismus geschenkt, der ist eine dieser Rosinen, „damit er lernt, was er alles mit seiner Atmung anstellen kann“, und ein Buch über Anatomie, „damit er weiß, was überhaupt wo in seinem Körper ist“.

Und die Rosine Solschenizyn?

„Solschenizyn muss noch warten. Der kommt noch.“

Das da draußen ist kein Spiel, das ist Krieg

Es ist Dominic Thiem, das sieht man ihm recht gut an, nicht wahnsinnig angenehm, im Gatsch einer Waldlichtung Sit-ups zu pumpen. Er findet es auch nicht toll, sich beim Gewichtstraining Asseln vom Holzstamm in die Haare zu beuteln. An den nicht durchgehend orthodoxen Methoden seines neuen Konditionstrainers hat er dennoch Gefallen gefunden. Und außerdem mag Thiem Resnik gern. „Er ist einfach ein geiler Typ“, sagt er.

Zum 60. Geburtstag machte er ihm sogar ein besonderes Geschenk. Es war der Tag des Future-Finales in Este in Italien, irgendwann Mitte des ersten Satzes spülte ein spektakulärer Ballwechsel beide Spieler ans Netz, Thiem wollte den Ball nach einer Körpertäuschung in Zeitlupentempo am düpierten Gegner vorbeischieben, aber der Ball roll­e auf dem Netzband entlang, bevor er auf Thiems Seite kullerte. Thiem hob den Blick zu Resnik, der auf der Tribüne saß, rief: „Alles Gute zum Geburtstag, Sepp!“, und zerhackte den Schläger. Thiem hat nie zuvor bei einem Turnier einen Schläger zerstört.

„Das ist mein Geschenk an dich“, rief er und grinste.

Hätte Resnik ein Talent, gerührt zu sein, wären ihm da wohl die Augen feucht geworden. „Ja, das war wirklich ein schöner Moment“, sagt er, „mir war der Dominic ja immer zu brav am Platz. Ich hab zu ihm gesagt, horch zu, wenn du da rausgehst, wirst du zum Tier. Das da draußen ist kein Spiel, das ist Krieg. Und jetzt … so eine Aggressivität … ein tolles Geschenk.“

Den Schläger hat er seither bei sich wie eine Trophäe: „Soll ich ihn holen? Er liegt draußen im Auto!“

Sepp Resnik hat sich vor kurzem das erste Handy seines Lebens besorgt. „Damit ich immer für den Dominic erreichbar bin.“

So geht’s dahin, Tag und Nacht

Sepp Resnik hat Ende letzten Jahres im Beverly Hills aufgehört, dem Gogo-Club in Wien, in dem er als Manager seit 20 Jahren fast jede Nacht verbracht hatte. Am 30. November hat er seinen letzten Arbeitstag als Berufssoldat. Dann ist er Pensionist.

Er freut sich drauf, sagt er, auf die Freiheit: „Ich hab ab 1. Dezember einen Dauerurlaubsschein gelöst.“

Und dann sagt er, so als würde ihm das rausrutschen: „Ich weiß ja nicht mehr, ob ich noch aktuell bin. Ich gehe in der Arbeit mit Dominic 40, 50 Jahre zurück und überprüfe, ob die Maßstäbe noch dieselben sind. Ob meine Maßstäbe noch aktuell sind. Was 40 Jahre Erfahrung wert sind, das ist jetzt ein Prüfstand auf höchster Ebene.“

Das Projekt Dominic bestätigt dir deine Jugend, kann man das so sagen?

„Nein. Kann man nicht. Das Projekt Dominic bestätigt mir mein Leben. Dass alle Parameter in meinem Leben in Ordnung sind.“

Uh, stell dir vor: Scheitern!

„Ein Scheitern gibt es nicht“, da ist dann eh wieder der Sepp Resnik, „ein Scheitern wäre nur der Beweis dafür, dass ich einen Fehler gemacht habe und was ändern muss.“

Jetzt noch zum Thema großes Finale:

„Am 1. Mai werd ich vom Rathausplatz wegfahren, vor 40.000 Menschen. Zum Ende meiner Karriere noch einmal: In 80 Tagen um die Welt. Am Radl. Packts euch z’samm, hab ich zu meinen Betreuern von früher gesagt, die sind jetzt alle 70, 80 Jahre alt, einmal gemma’s noch an. Und wenn jemand zweifelt: Einfach mitfahren. Jeder ist herzlich eingeladen. Am 1. Mai fahren wir am Rathausplatz nach rechts weg, 80 Tage später kommen wir von links wieder an.“

Die Strecke?

„Na so wie immer. Stammstrecke.“

Ah ja, das war zuletzt …

„Wien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien­, von Istanbul durch die Türkei, durch den Iran …“

Dort soll’s aber grad nicht so angenehm sein.­

„Ich bin schon oft im Krieg gefahren, das ist egal. Weiter geht’s dann Pakistan, Belutschistan, Indien. In der Botschaft in Neu Delhi wird alles zusammengepackt, dann fliegma nach Australien, Cairns, 4.700 Kilometer die Küste entlang runter nach Sydney, dann Hawaii, aus nostalgischen Gründen die 600 Kilometer um die Hauptinsel, im Flieger wieder nach Los Angeles, dann quer durch, Albuquerque, Pasadena, Washington D.C., mit dem Flieger nach Lissabon, dann runter in den Süden über Cadiz, Marbella, rauf nach Barcelona, Genua, links rauf in die Schweiz, Locarno­, Feldkirch und herein nach Wien.“

„Ja“, sagt er. „Und so geht’s dahin. Tag und Nacht.“

Erschienen im Herbst 2013

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