Halbe, Halbe

Fleisch 50, Winter 2018 
Text: Miriam Vollmer
Illustration: Max Freund                             

Die Arbeit in der Familie gerecht verteilen. In der Theorie wollen wir das alle, in der Praxis scheitern wir alle daran. Denn Halbe-Halbe, das ist im echten Leben meistens so ein Ein-bisschen-er-und-ganz-viel-sie. Und dann beginnen alle zu streiten. Unsere Autorin hat sich gemeinsam mit ihrem Mann ein ganz besonderes Modell ausgedacht. Jeder trackt die Familienarbeit und protokolliert sie im 15 Minuten-Takt. Ende der Woche wird abgerechnet. Sie kann es sehr empfehlen.

  

Heute habe ich Schulden gemacht. Ich unterrichte nämlich alle zwei Wochen 300 km von Berlin – wo wir wohnen – entfernt an einer Uni in Nordrhein-Westfalen und musste deswegen morgens vor sieben sehr schnell weg.
Jan hat deswegen heute allein unseren Sohn geweckt (0,25 Std.). Er hat ihm ein Honigbrot für sofort geschmiert und ein Käsebrot für die große Pause (0,25 Std.), und weil dem Sohn erst beim Anblick seines grasgrünen Ranzens einfiel, dass sie heute einen Gegenstand mit „D“ mitbringen sollen, hat Jan auch noch hektisch in der ganzen Wohnung nach einem möglichst entbehrlichen, gleichzeitig unzerbrechlichen und nicht zu großen „D“-Gegenstand gesucht und unseren Sohn schließlich mit einer uralten „Dose“ Mandarinen einige hundert Meter bis zur Greifswalder Straße gebracht (0,25 Std.). Ab da geht der Sohn allein, weil auch ein Erstklässler seinen Stolz hat. Jan setzt sich dann in die Straßenbahn und fährt quer durch Berlin ins Büro.
Zu diesen 0,75 Std. von heute früh werden sich heute Nachmittag noch weitere 0,75 Std. fürs Abholen und Einkaufen beim Bäcker und bei der Bio Company um die Ecke summieren. Ich werde zu diesem Zeitpunkt vermutlich im ICE 642 nach Berlin sitzen und Bier trinken.

Wenn ich daheim eintreffe, dann wird mein Mann weitere 0,5 Std. in die Zubereitung einer Packung Spaghetti mit einem Glas fertiger Sauce Bolognese investiert haben, er wird die Spülmaschine ausgeräumt und wieder eingeräumt (0,25 Std.) haben, und außerdem hat er dann den mittelmusikalischen Sohn beim Versuch, „Hopp, hopp, hopp“ auf dem Klavier zu spielen, beaufsichtigt (das werden schon eher sehr harte 0,25 Std. gewesen sein).

Insgesamt wird Jan dann bei 2,25 Std. stehen.

Und die schreibt er dann auf.

Ich dagegen kann heute nur 0,25 Std. erfassen, die ich im ICE unterwegs damit verbringe, das Essen für die restliche Woche zu planen und alle Zutaten in die App „Wunderlist“ zu schreiben. Das ist eine To-do-Liste fürs Telefon, bei der man einzelne Listen miteinander teilen kann und bei der jeder löschen kann, was er erledigt hat. Wir finden das super, weil jeder Aufgaben erfassen kann, wenn sie ihm gerade einfallen. Und jeder sie erledigen kann, wenn er gerade dazu kommt. Weil man beispielsweise seine S-Bahn knapp verpasst hat und jetzt 20 Minuten Zeit hat, bei Lush „die rote Haarseife“ und bei dm Katzenfutter und Kinderzahnpasta zu kaufen.

Strukturiertere Leute als wir kaufen alles, was sie brauchen, einmal die Woche bei einem großen Rundumschlag der Haushaltsbedarfsbeschaffung. Aber wir stehen am Wochenende immer erst mittags auf und haben keine Lust, dann noch irgendwo- hin zu fahren. Noch andere Leute bestellen alles bei REWE und lassen sich das dann nach Hause liefern. Aber wir wissen nie so genau, wann einer da ist, um den Leuten von REWE zu öffnen. Wir arbeiten nämlich beide den ganzen Tag (abgesehen von meinen Unitagen) eine gar nicht so kurze S-Bahnfahrt entfernt in einem anderen Bezirk, weswegen unser Sohn zu den Kindern gehört, die die Betreuungszeit des Schulhorts ausreizen.

Wir sind selten vor 18.00 Uhr zu Hause. Zur Verwaltung unseres Lebens haben wir deswegen zwei Listen, eine Einkaufsliste und eine allgemeine To-do-Liste. Auf der stehen derzeit „Preisvergleich Haftpflichtversicherung“ und „Heftstreifen“.

Die Sache mit der Haftpflichtversicherung steht da allerdings schon ziemlich lange.

Pro Woche fallen für Jan und mich ungefähr 20 bis 25 Stunden von dem an, was andere Leute Care-Arbeit nennen. Sie nennen das so, weil sie damit verdeutlichen wollen, dass es eben auch Arbeit ist, wenn man für seine Familie Erbsensuppe kocht – und nicht nur, wenn man die Erbsensuppe in einer Restaurantküche kocht.

Es dauert nämlich genauso lange.

Und es ist auch nicht freiwillig, also das Erbsensuppekochen, aber was soll man sonst machen? Man kann seine Familie schließlich nicht nur von Curry King ernähren.

Der einzige Unterschied zwischen Erbensuppe daheim zu kochen und Erbsensuppe in der Restaurantküche zu kochen ist, dass man an letzterem Ort dafür Geld bekommt und daheim nicht. Das führt dazu, dass man manchmal auch heute noch Frauen trifft, die meinen, dass sie „nicht arbeiten“, wenn man sie fragt, was sie so machen.

 

Die Statistik macht Arbeit – sichtbar

Aber man soll diesen Frauen kein Wort glauben. Denn in der Regel haben sie zwei Kinder, und sie arbeiten deswegen den ganzen Tag. Nur, dass sie eben kein Geld von einem Arbeitgeber bekommen, dass sie keine eigenen Rentenansprüche erwerben und wie es mit der Anerkennung für diese Arbeit bestellt ist, das ist auch offensichtlich.

Nach wie vor wird nämlich von jedem verstanden, was sie meinen, wenn sie sagen „sie arbeiten“ nicht. Und falls sich diese Frauen irgendwann mal scheiden lassen, dann werden sie verhältnismäßig oft auch vor Gericht so behandelt, als hätten sie nie gearbeitet.

Gerade diesen Frauen würde eine Erfassung von Hausarbeit helfen. Weil ihre Männer endlich wahrnehmen würden, dass die jeweilige Dame des Hauses keineswegs halbe Tage damit verbringt, zu schlafen oder ihre Nägel zu polieren. Weil dann auch jemand, der im Haushalt so gut wie nie einen Hand- schlag macht, verstünde, dass „Einkauf (REWE) mit An- und Abfahrt“ 1,25 Std. dauert. Und „Impftermin Katze“ auch. Ganz abgesehen von „Waschen und Bügeln 10 Oberhemden“, das mit bestimmt 1,5 Std. zu Buche schlägt, und das auch nur, wenn man viel Routine hat in diesen Dingen.

Doch auch Paaren, die Haus- und Erwerbsarbeit nicht im Verhältnis hundert zu null aufgeteilt haben, würden bei einer exakten Auswertung und zeitlichen Erfassung der täglichen Familienaufgaben die Augen aufgehen.

 
Nichts Genaues weiß man nicht

Nehmen wir einmal eine mir befreundete Familie mit zwei Kindern von fünf und acht, wohnhaft in unserer Nachbarschaft in einem der sanierten Berliner Altbauviertel, und nennen wir sie Kathrin und Sascha. Kathrin arbeitet 32 Stunden als Volkswirtin in einer Behörde, Sascha ist Justitiar einer Krankenkasse. Er arbeitet Vollzeit.

Sascha ist garantiert der Letzte, der behaupten würde, Haus und Kinder wären Frauensache. Er hat zweimal Elternzeit gemacht und bringt jeden Morgen erst die Tochter in die Grundschule und dann den Sohn in den Kindergarten. Nach- mittags holt seine Frau die Kinder ab. Am Samstag kaufen beide ein und machen gemeinsam sauber, weil sie – anders als wir – eine Aversion gegen die Vorstellung haben, dass jemand anderer in ihrer Wohnung saubermacht. Während Jan und ich uns die Kosten fürs Putzen teilen, machen Sascha und Kathrin jeden Samstag mindestens vier Stunden lang ihre Wohnung sauber, und zwar total gründlich.

Ich bin mir absolut sicher, dass die beiden eine Regelung treffen wollten, bei der beide exakt gleich viel Freizeit haben. Weil Kathrin eine 80-Prozent-Stelle hat, hieße das, dass sie, um innerfamiliär aufs Gleiche zu kommen, exakt acht Stunden pro Woche mehr in Haushalt und Erziehung stecken muss oder soll oder darf als er. Pro Tag wären das eine Stunde und ein paar Minuten. 

Aber das ist natürlich nicht der Fall. Es ist weit mehr, was sie pro Tag mehr in die Familie einbringt als er. Das Hinbringen (er) und Abholen (sie) hebt sich zwar halbwegs auf (0,75 Std.). Aber Kathrin kauft zweimal die Woche ein (jeweils 1 Std.). Sie bereitet morgens um sechs, bevor sie vor Sascha und den Kindern das Haus verlässt, das Frühstück vor und bestückt die Brotdosen (0,75 Std.). Sie schaut nachmittags nach, was die Tochter an Hausaufgaben machen muss, und korrigiert, wenn nötig (0,5 Std.). Sie übt mit ihr für den morgigen Mathetest (0,5 Std.), sie kauft „Tonkarton, Zacken- schere, drei Korken“ von der Beschaffungsliste der Kunstlehrerin (0,5 Std.) und kümmert sich darum, dass der Sohn mit einem von ihr ausgewählten Geburtstagsgeschenk auf dem 5. Geburtstag seines besten Freundes erscheint und dort nach drei Stunden auch wieder abgeholt wird (1 Std.).

Sie plant, was es zu essen gibt (0,5 Std.). Sie kocht, was es zu essen gibt (0,75 Std.). Sie deckt den Tisch gemeinsam mit den Kindern (0,25 Std.), sie isst gemeinsam mit den Kindern (0,75 Std.). Sie überlegt mit der Tochter, ob es wohl eine gute Idee ist, statt Klavier Harfe zu spielen, und googelt, wo man Harfen mieten kann (0,5 Std.). Sie badet beide Kinder und cremt sie ein (0,5 Std.), und während sie einen langen Auszug aus „Am Samstag kam das Sams zurück“ vorliest (0,5 Std.), erscheint endlich Sascha.

Der isst die Reste und setzt sich aufs Sofa.

Da sitzt irgendwann auch Kathrin, aber anders als er schaut sie nicht „Narcos“, sondern vergleicht Preise für eine Woche Kroatien in den Osterferien und checkt, ob es eigentlich normal ist, dass der Fünfjährige Stifte wie einen Faustkeil hält und was man dagegen macht.

Sascha kümmert sich zwar um den halbjährlichen Reifenwechsel und überweist jeden Samstag alle Rechnungen. Er macht das mit dem Geld vom gemeinsamen Konto. Aber pro Woche macht das weniger als 0,25 Std. aus. Dafür meldet er sich extrem selten kindkrank. Er beteiligt sich auch nicht an der Lesewerkstatt, bei der Kathrin alle zwei Wochen eine Stunde lang mit (ausschließlich) anderen Müttern in der 3a Lesen übt. Und wer denkt wohl an den Adventskranz und wer kauft ihn, wer holt die zu klein gewordenen Strumpfhosen aus der Sockenschublade der Kinder, wer bastelt mit dem Kleinen ein Fensterbild und schaut im Internet, was die Große in den Sommerferien machen könnte?


Ist Urlaubsrecherche Arbeit?

Überhaupt: Planen und recherchieren und organisieren. Viele Berufe – und eher nicht die schlecht bezahlten Jobs – bestehen aus nichts anderem. Und wer würde bestreiten, dass diejenigen, die beruflich organisieren, abends zu Recht vollkommen erschossen auf dem Sofa hängen wie unser Freund Sascha? Trotzdem lassen die meisten Paare bei der Verteilung von Arbeit innerfamiliäre Planungs- und Organisationsaufwände vollkommen unberücksichtigt. Komisch. Denn nie- mand wird wohl ernsthaft glauben, dass es Freizeitvergnügen ist, wenn man einen Ablaufplan für Ostern erstellt oder mit potenziellen Babysittern darüber verhandelt, wann und wie und um wie viel sie tatsächlich tätig werden.

Warum Sascha und Kathrin trotzdem diese Zeiten nicht erfassen, um erst einmal die Grundlage für eine bessere Ver- teilung zu ermitteln? Ganz ehrlich: Keine Ahnung. Eine denkbare Erklärung könnte sein, dass sie mit dem Status quo zufrieden sind.

Das stimmt aber nicht. Meine Freundin Kathrin – es gibt übrigens ziemlich viele Kathrins – ärgert sich ziemlich oft darüber, dass er viel weniger Zeit für Kinder und Haushalt aufwendet. Alle statistischen Erhebungen über die Jahre hinweg führen im Übrigen auch zu exakt demselben Ergebnis. Weil Kathrin sich ärgert, streiten die beiden auch nicht ganz selten. Und weil sie im Ergebnis weniger Freizeit hat als er, ist es nicht so sonderlich überraschend, dass sie weniger berufliche Abendtermine besucht als er, seit Jahren keine Fachveröf- fentlichungen mehr publiziert hat und selten Überstunden macht. Kinder bringen sich halt nicht selbst nach Hause. Und deswegen wird sie vermutlich später Referatsleiterin als er Abteilungsleiter.

Das wird sich übrigens rächen, wenn die beiden – was wir nicht hoffen – nicht für immer zusammenbleiben sollten.

Wenn der Zustand ungerecht ist und als ungerecht empfunden wird, dann wird es mit den rationalen Erklärungsansätzen ziemlich dünn. Schwenken wir auf die irrationalen: Eine solche Zeiterfassung, sagt man, wäre das Ende jeglicher Romantik. Die endgültige Ökonomisierung der Liebe, die ja gerade der Lebensbereich ist, in dem man ganz bei sich sein möchte, in dem die Logik von Tauschgeschäften, von Zeit und Geld nicht gilt und man nicht auf der Hut sein muss, über’s Ohr gehauen zu werden. Hier, so schwingt es in der entrüsteten Abwehr solcher Rechenhaftigkeit mit, möchte man ganz Mensch und gar nicht Kaufmann sein.

Was soll ich sagen: Das möchte ich auch. Auf wunderbare Weise würden sich die Pflichten, die so anstehen, wenn man lebt, erzieht, isst, Freunde und Familie hat, in wortlosem Einverneh- men zwischen Jan und mir exakt halbe-halbe aufteilen.

Das wäre übrigens auch in meinem Büro toll. Ich bin Rechtsanwältin. Wäre es nicht super, würden mein Kollege und ich ganz von selbst jeweils genau gleich viel arbeiten, ohne dass wir uns abstimmen müssten, und wenn ich neues Büromaterial bestelle, würde mein Kollege zufällig exakt so lange Rechnungen schreiben oder mit unserem Steuerberater telefonieren, bis der Zeitausgleich steht.

Das ist unrealistisch?

Klar ist das unrealistisch, ich sehe das auch so. Aber warum soll etwas, das in jedem Büro der Welt von jedem sofort als unrealistisch eingeschätzt wird, zu Hause realistisch sein? Weil ich meinen Mann liebe und meinen Kollegen nicht? Was hat Arbeitsaufteilung mit Liebe zu tun?


Hat das etwas mit Liebe zu tun?

Liebe hilft einem, es zu zweit in einer Wohnung auszuhalten und nicht wegzulaufen, wenn der andere erkältet ist und komisch riecht. Liebe hilft einem kein Stück dabei, ein Gleichgewicht zu finden, in dem jeder am Ende gleich viel Freizeit hat. Es ist nämlich kein bisschen romantisch, Scheuermilch zu kaufen, die Putzfrau zu ermahnen, auch in den Ecken zu saugen, oder Kuchen fürs Sommerfest der Kita zu backen. Den meisten Leuten wie Kathrin ist das im Übrigen völlig klar.

Sie wissen auch, dass es dann, wenn sich ein Paar trennt, keineswegs irgendeinen Ausgleich für denjenigen gibt, der aus schierer Romantik jede Woche fünf Stunden mehr als der andere gearbeitet hat. Viele, wenn auch nicht alle, wissen auch, dass es oft nicht einmal dann einen Ausgleich gibt, wenn der eine nur deswegen eine eindrucksvolle Karriere machen konnte, weil der andere zu Hause viel mehr übernommen hat. Hat er dabei ein eindrucksvolles Vermögen angesammelt, wird zwar geteilt.

Aber seien wir ehrlich: Die meisten bringen es nicht zu Vermögen, sondern höchstens zu einem mehr oder weniger ordentlichen Einkommen, und da wird meistens nichts wegen früherer Lastenteilung geteilt, es sei denn, die Kinder sind noch sehr klein.

Nein, der Grund, warum nicht viel mehr Leute die Zeiten für Hausarbeit erfassen, ist vermutlich ein anderer: Die meisten Paare möchten sich als modernes Paar betrachten. Sie wollten die Arbeit nicht immer ganz gleich aufteilen. Aber sie wollten sie gerecht aufteilen. So wie wir wollten auch Sascha und Kathrin und alle anderen Paare, die wir kennen, dass am Ende jeder gleich viel Freizeit und Freiheit hat. Die meisten – auch wir immer wieder – sind daran gescheitert.

Niemand sieht sich gern als gescheitert. Die Zeiterfassung legt aber dieses Scheitern Tag für Tag offen. Jede Woche sieht sie, dass sie nicht so emanzipiert ist, wie sie immer stolz erzählte. Jede Woche sieht er, dass er nicht so anders als sein Vater ist, obwohl er das immer sein wollte. Sascha und Kathrin verstecken die tatsächlichen Verhältnisse durch Unsichtbarkeit vor sich selbst. Paradoxerweise verhindert gerade dies, dass sie das Paar werden, das sie sein wollten.


Ein Ausflug ins Museum – Freizeit oder Erziehungsarbeit?

Denn vielleicht wäre es ja ganz leicht: Sascha schafft es möglicherweise einmal die Woche abends doch, den Einkauf zu machen, und macht so 1 Std. gut. Eine weitere investiert er am Wochenende in Hausaufgabenüberprüfung und die Zusammenstellung der Einkaufsliste. Oder das Paar macht es sich leicht und Sascha übernimmt es, eine Putzfrau zu suchen, zu bezahlen und zu koordinieren, und dann sind beide wieder halbwegs glatt.

Das Reden erspart einem sowieso keiner. Man muss verhandeln. Zählt es eigentlich, wenn ich den Adventskranz bastele (1,5 Std.), statt einen zu kaufen (0,25 Std.)? Wird berücksichtigt, dass ich gern und ganz gut koche, während mein Mann nur mit Mühe und YouTube als hilfreichem großem Bruder etwas auf den Tisch bekommt, was dem verwöhnten Gaumen unseres Sechsjährigen genügt? Ist ein Ausflug mit Kind ins Museum Freizeit (0 Std.) oder fällt das unter Erziehung (3 Std.)? Wie geht man damit um, dass Schulen und Kindergärten immer, wirklich immer die Mütter anrufen? Überhaupt: Setzt man auf die pädagogische Wirkung der nicht gemachten Hausauf- gaben (0 Std.) oder ackert man geduldig mit einem müden Schulkind Rechentürmchen durch (0,75 Std.)?

Dem gegenüber verblasst die schiere technische Seite. Nutzt man eine App, gelten Hours und TimeOrg als empfehlens- wert. Vielen Familien reicht sicher ein simpler Excel-Sheet in einer Cloud, die für beide auch von unterwegs erreichbar ist. Man sollte sich im Vorhinein überlegen, bis wann jeweils ein Ausgleich stattfinden sollte. Wöchentlich? Monatlich? Oder ist jedem klar, dass es sowieso nie einen Ausgleich geben wird, sondern dass man nur die ungleiche Verteilung der Arbeiten sichtbar machen will?

Das System, die geleisteten Arbeiten penibel mitzuschreiben, erfordert in jedem Fall ein ordentliches Maß an Disziplin. Und vielleicht funktioniert es auch bei Leuten schlechter, die nicht so wie mein Mann und ich unser halbes Leben aus beruflichen Gründen ihre Zeit so penibel erfasst haben.

Aber ich rate jedem, es zumindest einmal auszuprobieren. UND wenn Ihre Familie diese eine Familie ist, in der sich in den ersten Wochen zeigt, dass er viel mehr Hausarbeit macht als sie: Dann schreiben Sie mir mal eine E-Mail. Die rahme ich mir dann ein und hänge sie an die Wand.

 

Erschienen im Winter 2018. Fleisch 50, bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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