Wer bekommt
die Spritze?

Fleisch 56, Sommer 2020 
Text: Martina Bachler
Artwork: Mark Glassner                              

 

Fremden um den Hals fallen, mit Unbekannten schmusen, vordrängen bei der Kassa: Corona hat uns die schönsten Nebensächlichkeiten der Welt genommen und uns eine globale Krise verschafft. Alle suchen jetzt nach einer Impfung. Aber wer entscheidet, wer sie dann auch bekommt?

„Urlaub? Eher nicht. Vielleicht geht sich einmal ein verlängertes Wochenende aus“, sagt Bernhard Benka. Benka ist Mitte 40, Oberösterreicher, in der Ecke seines Büros lehnt ein Longboard und man kann nur mutmaßen, was er wohl antworten würde, wenn man ihn nach seiner Idealvorstellung vom Sommer seines Lebens fragt. Dummerweise hat er aber gerade diesen einen, diesen ganz speziellen Sommer seines Lebens, und da ist die Zeit so knapp, dass man sie nicht mit unnützen Fragen verplempern sollte.

Der Sommer seines Lebens: Da geht es um Corona, das Virus und seine Bekämpfung. Benka arbeitet im Gesundheitsministerium, er ist Leiter der Abteilung für übertragbare Erkrankungen, Krisenmanagement und Seuchenbekämpfung, und im Moment leitet er auch die Expertengruppe zu Covid-19. Jeden Morgen trifft sich sein Team und schaut sich die aktuellen Entwicklungen an, die Fallzahlen, die Clusterbildungen, die internationalen Daten. Seine Arbeitstage dauern immer noch zwölf Stunden lang, nur an den Wochenenden gab es zuletzt hin und wieder eine Verschnaufpause. Ob das den restlichen Sommer so bleibt, ist unklar, sagt er: „Es wird gerade wieder etwas ruppiger, es gibt höhere Fallzahlen, aber so lange die Cluster nachvollziehbar bleiben, müssen wir keine großflächigeren Maßnahmen ergreifen.“

Sechs Monate, nachdem die ersten Nachrichten aus China dazu kamen, wissen wir immer noch ziemlich wenig über das Virus, sagt Benka. Aber was wir wissen, sei schon einmal nicht so schlecht: Dass wir die Tröpfcheninfektion durch Abstand, Masken und Händewaschen verhindern können, dass wir Kontaktpersonen schnell identifizieren und testen müssen, damit sich das Virus nicht unbemerkt ausbreitet, und dass wir schon bei ersten Symptomen reagieren müssen. „Alles andere ist noch ungewiss, für alles andere kann ich noch keine konkreten Pläne machen.“ Wird eine Impfung uns retten? „Das hängt von sehr vielen sehr unterschiedlichen Dingen ab“, sagt Benka.

Wetten auf den Impfstoff

Der Sommer seines Lebens ist auch der Sommer des Lebens für viele andere. Für die Forscher in Pharmafirmen und Biotechunternehmen, die wie verrückt nach einem Medikament oder einem Impfstoff suchen, die die Welt erlösen sollen; für Mitarbeiter in den Gesundheitsbehörden, die schauen müssen, ob das, was da erforscht wird, auch effizient und sicher wirkt. Für die Strategen der Weltgesundheitsorganisation, die darauf achten wollen, dass nicht nur diejenigen Staaten oder Menschen Hilfe gegen Corona bekommen, die sich das Zeug auch leisten können, sondern die ganze Welt: zu fairen Bedingungen und möglichst gleichzeitig. Und natürlich auch für die Regierungen, Staatengemeinschaften und Allianzen, die auf Nummer sicher gehen wollen und lieber doch jetzt schon ihre nationalen Bestellungen bei den Herstellern der Arzneimittel aufgeben. Zu tief sitzt die Erfahrung, dass im März plötzlich alle Staaten ihre Schutzkleidung horteten.

Es sind Wetten, deren Ausgang noch niemand kennt und von denen auch nicht bekannt ist, wann sie sich entscheiden. Nur so viel steht fest: Der Tag X könnte die Welt verändern. Denn was passiert, wenn ein Impfstoff zugelassen wird? Wer entscheidet, welches Land ihn zuerst kaufen kann? Wer entscheidet, welche Menschen ihn als Erstes bekommen? Und wer wird dafür wie viel zahlen müssen und wer gar nichts?

Die Antworten auf diese Fragen können darüber entscheiden, ob alte Menschen früher sterben, als sie es ohne Covid-19 tun würden. Sie entscheiden, ob aus gesunden Menschen Kranke werden und ob die, die eigentlich Kranke pflegen sollen, riskieren, selbst infiziert zu werden. Die Fragen nach der Spritze entscheiden darüber, welche Länder schneller wieder zu einer Art von Normalität zurückfinden. Sie entscheiden auch über Aufschwung und Sicherheit oder Arbeitslosigkeit und Armut.

Wie wichtig die Impfung ist, haben zuletzt wieder Daten aus Spanien gezeigt. Das Land hat in einer repräsentativen Studie 61.000 Menschen getestet und festgestellt, dass gerade einmal fünf Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen das Virus aufgebaut haben. Von Herdenimmunität, bei der rund zwei Drittel der Bevölkerung immun gegen das Virus sein müssten, sind die Spanier weit entfernt. Ähnliche Studien in anderen Ländern kommen zu vergleichbaren Ergebnissen. Heißt: Wir werden die Impfung brauchen oder weiter Abstand halten.

Kühl oder bei Zimmertemperatur? Einmal fürs ganze Leben?

Doch ganz einfach ist die Sache mit dem Impfstoff nicht. Ihn zu erfinden ist die eine Sache. Ihn so zu produzieren, dass Milliarden von Menschen damit versorgt werden können, die andere. Schon jetzt gibt es laut dem deutschen Magazin Spiegel etwa Engpässe bei der Produktion von Spritzennadeln. Auch dass viele Inhaltsstoffe für einen Impfstoff  aus China oder Indien kommen, könnte zum Problem werden, wenn diese Staaten sie zunächst einmal für ihre eigene Bevölkerung reservieren. Und dann muss der Impfstoff auch noch vertrieben und verteilt werden können. Eine so gewaltige Menge, rund sechs Milliarden Dosen, in so kurzer Zeit?

Hinzu kommt, dass keiner weiß, was für eine Art Impfstoff  überhaupt auf den Markt kommen wird. „Wir wissen nicht, ob er nur den Krankheitsverlauf verbessert oder für Immunität sorgt. Ob eine Dosis reicht oder wir zwei Impfungen pro Person brauchen. Ob man mit einer Impfung auskommt oder ob wir jährlich auffrischen müssen. Ob er bei Zimmertemperatur verabreicht wird gekühlt werden muss. Wir wissen nicht einmal, ob jede Altersgruppe ihn gleich gut verträgt“, sagt Bernhard Benka. Für die Planung spielt all das aber eine entscheidende Rolle.

Und was, wenn kein Impfstoff funktioniert?

Der Wettlauf um den Impfstoff oder ein Medikament gegen Covid-19 hat vor sechs Monaten begonnen. Es gibt kaum ein Land, das sich nicht schon im März sicher war, den kommenden Sieger zu kennen. Euphorisch wurden Wissenschaftler porträtiert, die von früh bis spät dem Virus auf der Spur waren, während der Rest der Menschheit versuchte, ihm möglichst fernzubleiben.

Doch das Virus hat sich in andere Weltregionen ausgebreitet und der Wettlauf um die Lösung hat sich noch einmal intensiviert. Was normalerweise bis zu 15 Jahre dauern kann, soll jetzt in zwölf bis achtzehn Monaten gelingen. Ist das wirklich machbar? Rund 130 Entwicklungen laufen laut WHO Anfang Juli weltweit, 17 davon befinden sich in klinischen Tests, werden also bereits an Menschen erprobt. Ein indischer Hersteller hat zuletzt angekündigt, bis 15. August mit allen Tests durch zu sein – das hat aber weltweit für Kritik gesorgt, weil es als unrealistisch angesehen wird. Chinas Regierung ist noch weiter gegangen und lässt zu, dass die chinesische Armee seit Anfang Juli mit einem Impfstoff versorgt wird, ohne dass alle klassischen Testverläufe durchgeführt worden wären – die Nebenwirkungen sind also nicht restlos bekannt.

Und dann gibt es noch US-Präsident Donald Trump.

In den USA steigen die Ansteckungen wieder ungebremst, aber ihr Präsident hat auch am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der USA, versichert, dass ein Impfstoff „weit vor Ende des Jahres zur Verfügung stehen wird“. Der Chef der FDA, der Behörde, die Impfungen und Medikamente für den US-Markt zulässt, konnte das, wie so oft, nicht bestätigen. Und Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), warnte im Juni sogar, dass es vielleicht überhaupt nie einen Impfstoff  geben könnte.

„Bei HIV etwa haben wir bis heute keinen“, sagt auch Bernhard Benka vom Krisenstab des Gesundheitsministeriums.

Die USA sichern sich, was sie sich sichern können

Dieser Sommer aber ist der Sommer der Hoffnung, und diese Hoffnung wird mit gigantischen Summen befeuert. Die USA stecken zehn Milliarden US-Dollar in die sogenannte „Operation Warp Speed“. US-Pharmakonzerne wie Johnson & Johnson, Pfizer, Merck, die Biotech-Unternehmen Moderna und Novavax, das US-Militär und viele Forschungseinrichtungen sollen also mit „Überlichtgeschwindigkeit“ die Impfung voranbringen. Wichtiger Zusatz: Für die USA, alle weiteren Länder sollen erst danach profitieren.

Wie weit das die Amerikaner bringen wird, ist offen, zur Sicherheit haben sie sich bereits im Mai auch beim schwedisch-britischen Pharmariesen AstraZeneca 300 Millionen Dosen Impfstoff gesichert, auch sie sollen bis Jänner 2021 verfügbar sein (Update 22. Juli: auch bei Biotech/Pfizer wurden bis zu 600 Millionen Impfdosen für die USA gesichert). AstraZeneca Unternehmen arbeitet dabei mit der britischen Universität Oxford zusammen. Laut Soumya Swaminathan, der Chef-Wissenschaftlerin der WHO, ist dieser Impfstoff Stand Anfang Juli am weitesten entwickelt. Auch beim französischen Konzern Sanofi wollten die Amerikaner sich Vorkaufsrechte sichern, stießen dort aber auf Widerstand.

Bei der US-Firma Gilead konnten sich die USA aber für drei Monate de facto die gesamte Produktion von Remdesivir checken, einem Medikament, das eigentlich gegen Ebola zum Einsatz kommt, aber auch die Heilung von Covid-19-Patienten beschleunigt.

Auch Großbritannien soll sich nun laut der Sunday Times exklusiv 60 Millionen Dosen bei Sanofi und GlaxoSmithKline gesichert haben. (Update 21. Juli: Großbritannien sicherte sich bisher 100 Millionen Impfdosen bei AstraZeneca, 60 Millionen bei der französischen Valneva und 30 Millionen bei der Allianz aus Biontech und Pfizer). Sanofi, aber auch Moderna wollen ihre Impfstoffe, die gerade erst klinisch getestet werden, trotz Ungewissheit bereits über den Sommer produzieren.

Auch Europa geht auf Nummer sicher

Mitte Juni bestellten schließlich auch Deutschland, die Niederlande, Italien und Frankreich bei AstraZeneca als gemeinsame Impfallianz 400 Millionen Impfdosen für die EU. Deutschland hat sich zudem am Biotechunternehmen Curevac beteiligt, damit die USA es nicht wieder versuchen und einen möglichen Impfstoff  für sich behalten. Österreich wiederum hat von der EU-Kommission gerade grünes Licht für Beihilfen über zwei Millionen Euro für die beiden heimischen Unternehmen Apeptico und Panoptes bekommen, die an Covid-19-Medikamenten forschen. Zuletzt hat Sebastian Kurz auch zwei Millionen Euro für die internationale Impfforschungsinitiative CEPI zugesagt, mit 31 Millionen Euro ist Österreich auch bei der Corona Global Response-Initiative der EU-Kommission dabei. 

Trotz all der Beteuerungen, dass es fair zugehen soll, trotz der WHO-Resolution, die diese Grundsätze Mitte Mai festhält, ist klar: Neben dem Wettlauf um den Impfstoff ist auch ein Wettlauf darum entstanden, welches Land ihn als Erstes bekommt.

Der Druck auf nationale Regierungen sei groß, sagt Christian Lindmeier, Sprecher der WHO in Europa, die weiter eine ganz andere Haltung vertritt: Jeder, der eine Impfung braucht, soll sie bekommen, egal, wie es ihm finanziell geht, ob er versichert ist oder nicht und wo auf der Welt er lebt. „Und die Verteilung soll fair und nach Bedarf erfolgen“, sagt Lindmeier. „Es bringt nichts, wenn ich zum Beispiel 80 Millionen Deutsche auf einmal impfe, obwohl eigentlich nur zehn Millionen wirklich dringend einen Impfstoff brauchen.“

Die WHO erarbeitet Guidelines zur Verteilung, sie könnte aber auch die Erstellung eines Schlüssels koordinieren, mit dem ein Impfstoff  dann um die Welt verteilt wird, sagt Lindmeier: „Vorschreiben kann die WHO nichts, es hängt alles von den Entscheidungen der Mitgliedsländer ab.“

Ein globaler Schlüssel zur Verteilung von Impfungen fehlt

Auch Bernhard Benka, der Krisenkoordinator im Gesundheitsministerium, gewinnt der Idee eines globalen Verteilungsschlüssels vieles ab. Er war jahrelang für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz, er hat in Kenia und Indien die Leishmaniose bekämpft, die durch Sandmücken auf den Menschen übertragen wird, und in Paraguay die Chagas-Krankheit, die von Raubwanzen auf den Menschen überspringt. Unzählige Male hat er gesehen, wie Infektionskrankheiten vor allem jene Bevölkerungsgruppen treffen können, die zu klein, zu arm und zu unbedeutend sind, als dass sie von den großen Pharmafirmen extra bedient werden.

„Eine weltweite Verteilung wäre wünschenswert, auch weil wir wissen, dass uns so ein Schlüssel in Zukunft helfen wird“, sagt Benka. Denn es ist klar, dass Covid-19 nicht das letzte Virus ist, das in Windeseile um die Welt laufen wird: Aufgrund der zunehmenden Urbanisierung könnten Übertragungen von Tieren auf Menschen häufiger werden und der Klimawandel sorgt dafür, dass aus regionalen Gesundheitsproblemen schnell globale Katastrophen werden.

Die Corona-Impfung als globales, öffentliches Gut?

Als einziges Land hat China bereits im Mai angekündigt, dass es einen erfolgreichen chinesischen Impfstoff  der Welt als öffentliches Gut zur Verfügung stellen werde. Was großartig klingt, wirft aber viele weitere Fragen auf: Gibt es dann eine Art Rezept zum Download und jedes Land produziert sich seinen Impfstoff selbst? Wie setzt man globale Patentrechte einfach aus? Wer bezahlt die geleistete Entwicklungsarbeit? Und wer ist verantwortlich, wenn etwas schiefgeht?

 „Wir haben noch keinen Mechanismus, der diese Fragen weltweit löst, und momentan muss alles sehr schnell gehen“, sagt Clemens Martin Auer. Der Sonderbeauftragte für Gesundheit des Gesundheitsministeriums ist auch im Exekutivrat der WHO in Genf und leitet nun die EU-Steuerungsgruppe, die sich auf den Tag X vorbereitet, den Tag, an dem es einen Impfstoff  gegen Covid-19 gibt. Die Steuerungsgruppe hat Angebote verschiedener Pharmafirmen eingeholt und ist dabei, Verträge für die gesamte EU abzuschließen.

Einzelgänge soll es keine mehr geben, die europäische Vierer-Allianz, die bei AstraZeneca bereits bestellt hat, geht laut Auer bereits in einem EU-weiten Konsortium auf. Wie bei der Schutzausrüstung, für die es nun einen gemeinsamen EU-Einkauf gibt, soll das auch bei Impfstoffen und Medikamenten so kommen. „Auf einen Markt mit 450 Millionen Einwohnern können Pharmafirmen nicht verzichten“, sagt Auer.

Die EU kauft nun doch gemeinsam ein

Allein aus den Angeboten heraus lasse sich bereits erkennen, wer wirklich im Rennen um einen Impfstoff mitmischt und wer nicht. Auer sieht die traditionellen Pharmariesen voran, unter anderem übrigens, weil sie nicht nur die Entwicklung, sondern auch die Produktion und den Vertrieb im Griff hätten. (Update 20. Juli: Laut Reuters verhandelt die EU aktuell mit Johnson&Johnson, Moderna, Biontech/Pfizer und Curevac).

Welche Wette wirklich aufgehen wird, weiß auch Auer nicht. Aber er ist sich sicher, dass auch Europa mitwetten muss: „Wer sich jetzt keine Produktion sichert, der bekommt später überhaupt nichts.“

In der EU soll der Impfstoff nach der Größe des Landes verteilt werden. „Österreich steht für zwei Prozent der Gesamtbevölkerung der EU. Das klingt nicht nach viel, wenn wir aber zwei Prozent der bestellten 300 Millionen Impfdosen bekommen, sind das sechs Millionen Stück und das ist mehr, als wir brauchen werden“, sagt Clemens Martin Auer. Immer vorausgesetzt aber, dass gerade dieser Impfstoff auch wirkt.

"Ich persönlich wäre zum Beispiel dafür, die Kinder möglichst früh zu impfen, um die Schulen komplett öffnen zu können,“ sagt Clemens Martin Auer,  Sonderbeauftragter für Gesundheit im Gesundheitsministerium

Welche Bevölkerungsgruppen dann zuerst geimpft werden, ist den Nationalstaaten überlassen. „Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, sind dabei eine natürliche Priorität“, so Auer. Danach folgen die besonders vulnerablen Gruppen, also Menschen, die älter als 65 Jahre sind oder spezielle Vorerkrankungen haben, sowie alle, die in Pflegeberufen und im systemrelevanten Bereich arbeiten. Dann könne man sich fragen, ob man Schüler und Studenten impfe oder gezielt bei prekären Wohnungsverhältnissen ansetze. Auer: „All das ist in Diskussion, ich persönlich wäre zum Beispiel dafür, die Kinder möglichst früh zu impfen, um die Schulen komplett öffnen zu können.“ Entscheiden wird das am Ende die Regierung. Sie hat angekündigt, dass es genügend Impfstoff für alle geben soll.

Wie viel? Wann? Zu welchem Preis?

Momentan läuft also alles parallel ab: Das EU-Steering-Committee holt sich Angebote ein, die juristischen Abteilungen der EU-Kommission arbeiten Verträge aus, wieder andere Abteilungen versuchen herauszufinden, welchen Preis die EU für Wirkstoffe bezahlen möchte, und wieder andere, wie viele Menschen man damit überhaupt impfen können wird. Im Lauf des Sommers soll das alles stehen, die EU-Staaten arbeiten in enger Abstimmung zusammen.

Damit die Lage nicht zu übersichtlich wird, ergänzt  Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom am Institut für Höhere Studien: „Man kann auch davon ausgehen, dass mehrere Impfstoffe fast gleichzeitig fertig werden, dass manche günstiger zu produzieren sind als andere und sich die Preise dann für alle schnell ändern.“ Wer also jetzt zu einem bestimmten Preis einen Vertrag abgeschlossen hat, könnte dann ein bisschen der Blöde sein.

Was aber vielleicht ein fairer Preis ist für allzu ausgeprägten nationalstaatlichen Egoismus. Hilfsorganisationen befürchten schließlich, dass ärmere Länder ohne globale Allianzen keinen Zugang zu Medikamenten und Impfstoffen bekommen. Die Impfallianz Gavi hat Anfang Juni bei der internationalen Gemeinschaft überraschend gigantische 7,8 Milliarden Euro eingesammelt. Deutschland und Frankreich haben zusätzlich je 100 Millionen Euro für die Eindämmung von Covid-19 zugesagt.

Ist es fair, wenn manche Länder die Impfung früher bekommen? 

Bei Gavi können Länder, die sich Impfungen am globalen Markt sonst schwer leisten können, Finanzierungen für konkrete Impfprogramme beantragen. Bei Covid-19 könnte das aufgrund von Engpässen besonders wichtig und dringend werden, Gavi hat bereits einen Schlüssel für die Verteilung in 75 Ländern vorbereitet. Es gilt: Gesundheitspersonal und Hochrisikogruppen zuerst.

Gavi ist wie Cepi und Global Response, die auch Geld von Österreich erhielten, ein wichtiger Teil der neuen, internationalen Initiative Access to Covid Tools (ACT). Sie vergibt koordiniert Aufträge für Impfstoffe und Medikamente, aber auch für Tests. ACT strebt einen fairen globalen Zugang an. Die USA unterstützen übrigens keine dieser globalen Initiativen.

„Wenn die Produktion eines Impfstoffes beginnt, muss jedenfalls feststehen, in welcher Art und Weise er verteilt wird“, sagt WHO-Sprecher Christian Lindmeier, „und wir dürfen nicht gleichzeitig andere Impfprogramme aufs Spiel setzen oder vernachlässigen.“ Weil die Ressourcen beschränkt sind, könnten sich Hersteller bald entscheiden müssen, ob sie überhaupt weiter Impfstoffe gegen Masern, Polio, Malaria oder Influenza produzieren – oder Corona Vorrang hat. Schon jetzt wird etwa der Impfstoff  gegen Pneumokokken, die Lungenkrankheiten hervorrufen können, knapp.

Damit keine neuen Katastrophen drohen, keine Nebeneffekte, die einzelne Regionen in noch größere Schwierigkeiten bringen, müssen auch diese Zusammenhänge klar sein. Vor dem Tag X.

Auf den übrigens der Tag Y folgt: der Tag, an dem Menschen sich impfen lassen – oder eben nicht.

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